„Was interessiert es Wolfsburg, wenn der Zwickauer ihn anbellt?“
Dieser Tage war zu lesen: Die VW-Arbeiter werden wohl heuer am Jahresende 3000 Euro weniger im Portemonnaie haben. Der Konzern hat mit sofortiger Wirkung einige Tarife gekündigt. So werden die sgn. Tarifliche Zulage und die Tarifliche Zusatzvergütung wegfallen. Bei der Lektüre dieser Nachricht werden den wenigsten Lesern Tränen in den Augen gestanden haben. Bei Jahreseinkommen eines VW-Mitarbeiters zwischen rund 60.000 bis teilweise 80.000 Euro natürlich ein verdammt herber Schlag ins Kontor. Vor Allem im Vergleich zu den Löhnen anderer Berufsgruppen in der Region. Wie werden die VWler nur damit zurecht kommen?!
Ergänzend sei festgestellt: Die Inflationsrate in Deutschland stieg im September auf 3,3 Prozent. Heißt: Das Geld verliert an Kaufkraft. Zudem steigt der Preis für das Deutschlandticket 2027 auf 66,80 Euro. Und kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit dann noch die Mitteilung, im Chemiepark Leuna gehen bei Polyamid die Lichter aus. Nun auch im Porzellanwerk Kahla. Da sind 3000 Euro schon eine Menge Geld!
In diesem Zusammenhang ist noch gar kein Wort zur Rolle der Gewerkschaften gesagt – den Preistreibern an sich. Weil die deutschen Autos, insbesondere wegen auch zu hoher Lohnfertigungskosten, sowieso schon so billig sind, werden in der gegenwärtigen schwierigen Wirtschaftslage auch noch fünf Prozent mehr Lohn gefordert. Irgendwie müssen ja die 3000 Euro wieder reinkommen!
Die Gewerkschaften spielen ebenso eine nicht unerhebliche Rolle, wenn die Eingliederung der VW Sachsen AG in den Großkonzern näher betrachtet wird. Dies wurde vorangetrieben, damit die Arbeiter im Werk Mosel den gleichen Lohn wie in Wolfsburg oder Emden erhalten. Weil es da um 3000 Euro ging? Soweit nachvollziehbar. Damit einher ging allerdings auch die Eingliederung bzw. Aufgabe einer gewissen Selbstständigkeit genannter AG.
Die Krux an der Sache hat mehrere Seiten und kostet in jedem der Fälle weit mehr als 3000 Euro:
Erstens: Angesichts einer drohenden Schließung des VW-Werkes in Mosel und des Motorenwerkes in Chemnitz lässt Sachsens Ministerpräsident einen Ballon steigen mit der Aufschrift „neue Auto-Union“. Um dies auf die Straße zu stellen, bedürfte es zur Entwicklung und Aufbau einer Produktionslinie vier, wenn nicht sogar fünf Jahre. Beim heutigen Entwicklungstempo der Technik ein totaler Schuss in den Ofen! Und unter derzeit gegebenen Umständen völlig illusorisch. Die Kosten dafür wären ein Zigfaches von 3000 Euro.
Zweitens: Um Kretschmers Auto-Union 2.0 umsetzen zu können, müsste der Freistaat trotz klammer Kassen die Werke in Mosel und Altchemnitz kaufen. Weil VW dann absolut begeistert wäre, ein Konkurrenzunternehmen aus seinem Bestand zu dulden! Oder es fände sich ein milliardenschwerer Investor / Sponsor. Ob das der richtige und auf Dauer erfolgreiche Weg ist, sich in einem solchen positiv angenommenen Fall zum Beispiel an das Reich der Mitte auszuliefern, bedürfte tiefgründigere Überlegungen. Zumal ein BYD- & Co-Arbeiter für weniger als 3000 Euro Monatslohn tätig ist.
Drittens: Nachdem Mosel zwar die Pionierarbeit für die VW-E-Auto-Produktion übertragen bekam und dabei „den Affen gemacht“ hat, steht nun der neue Kracher an. In Mosel soll die Recycling-Schiene erneut als Pionierarbeit die Kastanien für die VW-Bosse aus dem Feuer holen. Damit könnten, so heißt es, zumindest etwa 500 Arbeitsplätze am vakanten Produktionsort Mosel gerettet werden. Dabei hat noch niemand die Frage gestellt, geschweige beantwortet: Wer kauft ein als dann sicher wie neu angepriesenes aber aus Ersatzteilen gefertigtes Auto zu dann sicher überhöhten Preisen? Denn die Recycler werden sicherlich nach VW-Tarif entlohnt und nicht für 3000 Euro im Monat!
Viertens: Die VW-Zentrale lässt sich herab und gestattet in Mosel die Produktion von zwei Typen. Das werden sicher nicht die „Renner“ des Unternehmens sein. Die werden, das liegt klar auf der Hand, in Niedersachsen hergestellt.
Fünftens: Im gegenwärtigen Rüstungs-Hype liebäugeln bereits einige Politiker damit, in Mosel Militärgerät vom Band laufen zu sehen, um damit die „Automobilbau-Tradition“ halten zu wollen. Dabei anscheinend nicht im Hinterkopf, dass Horch seine zivile Pkw-Produktion umstellen, den Kübelwagen, Panzerteile und Torpedos fertigen musste. Das Ende ist bekannt. Die Werke wurden bombardiert, Unterlagen und ingenieur-technisches Personal nach Ingolstadt verbracht. Dort ist seitdem die Freude groß, unter renommiertem Namen (Zwickauer) Pkw´s herzustellen. Übrigens verdient ein Hilfsarbeiter in Oberbayern unter dem 4-Ringe-Symbol knapp unter 3000 Euro!
Fazit: Selbst in führenden Etagen und Positionen des Zwickauer Rathauses läuten längst die Alarmglocken. Schließt das VW-Werk in Mosel, und damit auch der überwiegende Teil der Zulieferbetriebe in der Region, käme das einem wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Kollaps gleich.
Auto-Union 2.0 geht nicht. Die Vorbereitung, mit eigenen Modellen auf eigenen Füßen stehen zu wollen, hätte (wie früher im Sachsenring im Geheimen passiert) eher initiiert werden müssen. Rüstungsproduktion lehnen viele ab, um nicht irgendwann mit ballistischen Raketen im Vorgarten rechnen zu müssen. Der Bau von nur zwei Typen unterm Dach des VW-Konzerns ist nach jüngsten Ereignissen für den Standort Westsachsen alles andere als zukunftssicher.
Ergo: Es werden wohl 3000 Euro ausgelobt werden müssen, um eine alle in dieser Region zufriedenstellende Idee vorzulegen. Und das am besten gestern!

