36 Jahre berechtigte Ostalgie

Das Kleinreden von Problemen war und ist keine Lösung

Vorweg: Ostalgie beinhaltet nicht, wie meist interpretiert, die DDR in seiner Gänze wiederhaben zu wollen, das Wesen dieses Staates zu verharmlosen! Ostalgie bedeutet viel mehr, Lebensleistungen zu akzeptieren, die Wahrheit der Geschichte zu etablieren sowie die verpasste und verschmähte Übernahme von, ja, Errungenschaften endlich nachzuholen.

Auch die Reden dieses 3. Oktobers im Jahr 2026 gleichen einem Kabarettprogramm vom Feinsten! Distel, Herkuleskeule oder die Leipziger Pfeffermühle hätten (haben) ihre wahre Freude an Derartigem. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner gab heuer dazu die Steilvorlage: „Einheit heißt, diese Unterschiede (zwischen Ost und West) auszuhalten!“ Da werden Erinnerungen wach, als 2025 Kanzler Merz sprach: „Wagen wir einen neuen Aufbruch!“ „Erinnern wir uns an die Zuversicht, mit der unsere ostdeutschen Landsleute vor 35 Jahren ihren Aufbruch wagten.“ Derjenige, der jüngst mehr oder weniger indirekt bei den drei vergangenen Landtagswahlen gescheitert war. Derjenige, der von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland, dem weltgrößtenglobalen Anbieter von Investment- und Risiko-Managementlösungen war. Etwa für die kleinen Leute? Etwa für den Osten? Derjenige, der noch am sieglosen Wahlabend sich an seinem Amt klammernd ankündigte, seinen Politikkurs fortsetzen zu wollen. Das ist sein Aufbruch?

Häh?

Derjenige Kanzler, der ´89 als Referent beim Verband der Chemischen Industrie tätig war. Dieser Verband, der Preise mit der KoKo (Schalck-Golodkowskis Kommerziellen Koordinierung) verhandelte und von Niedrig-Preisen(-Löhnen) u.a. der „Plaste und Elaste“-Produktion aus der DDR, in der Mineralöl-, Teer- und Petrochemie- oder pharmazeutischen Industrie profitierte. Moskau forderte damals zwar eine klare politische Abgrenzung zur BRD, duldete aber nach internen Absprachen mit dem „Klassenfeind“ die wirtschaftlichen Geschäfte, um die DDR durch West-Devisen als „westlichsten Außenposten“ zu stabilisieren und das Risiko von Aufständen zu verringern. Dazu durfte ein klar begrenzter vereinbarter Teil dieser Waren in der DDR in Delikat- und Exquisit-Geschäften oder Intershops verkauft werden. Wie Produkte von Adidas, Puma, Schiesser, Triumph, Salamander, Bosch/Blaupunkt, Varta, Nivea, Schwarzkopf, Privileg-Produkte (Waschmaschinen, Kühlschränke, Möbel…). Westdeutschland nutzte somit seine „Brüder und Schwestern“ bis aufs Maximum als Billiglohnland aus. Und heute?! So wurden und werden immense Produktionskosten gespart, die Verkaufspreise im Westen niedrig gehalten und riesige Gewinnspannen gesichert. Und dann im nachfolgenden Wendejahr von „gutgemeinter Aufbauhilfe“ zu reden und mit der Treuhand die Vernichtung genau dieser innerdeutschen Exportbetriebe lahm zu legen… Und nun immer noch von einem nicht überwundenen Aufholprozess des Ostens zu reden… Den Ossis vorzuhalten, endlich ihre Haltung abzulegen, etwas Besondere zu sein.

Häh?

Ja! Sind sie! Sie wurden vor und während des Wendeprozesses beschissen und werden es seit 36 Jahren immer noch. Sie haben den Westen ernährt. An die Russen und an Israel den verlorenen Krieg bezahlt. Mangelwirtschaft ertragen. Da gehört(e) verdammt viel Selbstachtung dazu oder jetzt fehlende bzw. ignorierende Alltagseinstellung. Für eine „Montagsstraße“ wie zur Wende warum auch immer zu wenig. Ist es das sanfte Streicheln übers Köpfchen oder Das-ins-Gewissen-Reden nach dem Motto: „Kommt! Das seid ihr doch gewöhnt!“, wenn appelliert wird, gemeinsame Stärke zu feiern, vor allem im Osten, nicht alles schlechtzureden?

Häh?

Im Schlechtreden oder gar Weglassen, im Verzerren von Geschichte war Deutschland schon immer gut. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verwies während des Festaktes in Bremen auf Lügen und Manipulationen in sozialen Medien. Warum er dabei Berichterstattungen zum Thema Russland und Ukraine sowie Israels Siedlungspolitik im Zeitungswesen und in den TV-Kanälen nicht mit einbezog, wird sein Geheimnis bleiben. Aber die Mahnung vor extremen Rändern kam zur Sprache. Allerdings wird geflissentlich darüber hinweggesehen, dass die „blauen Funktionäre der ersten Reihe“ zum absolut überwiegenden Teil aus den Altbundesländern stammen, aber der Osten als Keimzelle des rechten Randes klassifiziert wird. Früher spielte in BRD-Schulen der Holocaust kaum eine Rolle, in der DDR die Verbrechen von Stalin (übrigens auch an Juden!). Die Aufarbeitung der sgn. friedlichen Revolution und Wiedervereinigung reihen sich da nahtlos ein. („3. Oktober – kein Grund zum Feiern!“) Nicht erwähnt, vergessen, gestrichen wird, dass der Niedergang der Daseinsversorgung im Osten ausgemacht war und ist. Abbau von RB-Schienensträngen und Stilllegen von Bahnhöfen konterkarieren jetzt mit fehlenden Bahnanbindungen und Stationen. Abschaffung von „sozialismus-typischen Polikliniken und Hausarztsystem“ müssen mit neuem Namen als Ärztehäuser aus leeren Kassen neu gebaut werden. Bildungsabschlüsse nicht anzuerkennen, aber intellektuelles Mittelmaß zum Aufbau in die Neufünfländer „abzuschieben“. Das Ost-Sozialsystem als gestrig und nicht kompatibel mit der sozialen Marktwirtschaft ins Nirvana zu verbannen, nur weil alle bei Zahlungen in die Systeme gerecht beteiligt waren.

Seit 36 Jahren dauern radikale nicht selbst verschuldete, meist in den West-Bundesländern verursachte Umbrüche in den Lebensläufen, immer noch andauernde Benachteiligungen aufgrund der ostdeutschen Herkunft und entsprechende Diskreditierungen an. Hinzu kommen für den Großteil im Osten ganz private existenzielle Sorgen, weil der Puffer an Rücklagen oder Besitz fehlt.

Die Ostalgie – nein: der Stolz, Ossi zu sein! – hat allein schon aus vorgenannten Umständen seine Berechtigung, vor allem weitererzählt zu werden!

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