Kurator im Augus-Horch-Museum Zwickau – André Meyer

Automobilbautradition erhalten ohne Rüstungsbeteiligung!

Wer als Tourist nach Zwickau kommt und das August-Horch-Museum nicht besucht hat, der hat zweifelsohne etwas verpasst. Denn hier geht es um weit mehr als nur um 100 Jahre Automobilbautradition und den hier entstandenen und gelebten Pioniergeist, um Modelle, die nie in Serie gingen oder unter anderer Bezeichnung woanders doch vom Band roll(t)en. Im August-Horch-Museum wird materielles wie immaterielles Erbe gesammelt, bewahrt, erforscht, ausgestellt, interpretiert und dabei interessant in Szene gesetzt. In diesem Zusammenhang und des kürzlich erst erworbenen viertürigen P70-Prototypen kommt der Begriff des Kurators ins Spiel, der die Auswahl, Bewertung und Präsentation von Informationen oder Objekten trifft sowie diese einem Publikum zugänglich macht – so wie André Meyer.

Zum Einstieg am besten ein paar kurze Worte zur Person!

Meyer: Ich bin 85er Jahrgang, geboren in Marienberg und habe das Gymnasium Olbernhau absolviert und anschließend Kulturwissenschaften und Völkerkunde in Marburg an der Lahn studiert.

Wann kam die Affinität zu Oldtimern?

Meyer: Die kam später, erst hier in Zwickau. Aber bereits mit sechs Jahren haben mich motorisierte Fahrzeuge interessiert.

Heißt genau?

Meyer: Zuerst die Schwalbe meines Opas, die ich (hält einen Zeigefinger vor die Lippen) heimlich fahren durfte, später meine eigene MZ TS 150. Motorisierte Zweirädrige interessieren mich jetzt allerdings nicht mehr. Mein Fahrrad bewegt sich ausschließlich per Muskelkraft.

Wann und wie kam dann das Faible für motorisierte Vierrädrige?

Meyer: Ich habe nach dem fünfeinhalbjährigen Studium eine Weile als Barkeeper in Paris gearbeitet. Und just zu dem Zeitpunkt, als ich wieder zu Hause war, las ich die Stellenausschreibung des August-Horch-Museums, dass dort ein Kurator gesucht wird.

Nun hat Kulturwissenschaften nicht zwingend etwas mit dem Automobilbau und dessen Tradition zu tun!

Meyer: Meine Magisterarbeit hatte die Museumsarbeit im Zusammenhang mit der innerdeutschen Grenze zum Thema. Das hat auch neugierig auf ähnlich gelagerte Sachverhalte gemacht. Die noch vorhandene Affinität zu motorisierten Fahrzeugen und deren Geschichte aufarbeiten zu können, sah ich bei meiner Bewerbung als tolle Verbindung.

Was letztendlich auch gewirkt hat?

Meyer: Ja, ich konnte mich gegen einige Bewerber durchsetzen, bin nun seit 2013 hier und kann resümieren: Kurator im August-Horch-Museum ist die pure Erfüllung.

Was liegt als Kurator hier konkret im Aufgabenbereich?

Meyer: Die Bewahrung und Inszenierung der Dauer- und Sonderausstellungen sowie die Verwaltung und Inventarisierung des Depotbestandes.

Das sind?

Meyer: (lacht) Die genaue Zahl weiß ich gar nicht, weil sie sich auch ändert. Aber summa summarum an die zweihundert zwei- bis vierrädrige Großobjekte und eine Vielzahl an Kleinexponaten und Archivgut.

Wie viele sind davon fahrtüchtig?

Meyer: Sagen wir es so: Etwa achtzig Prozent wären nach einem üblichen Werkstatt-Check fahrtüchtig und etwa ein Dutzend spontan.

Gibt´s darunter ein Lieblingsauto oder -Thema?

Meyer: Lieblingsauto und -Thema passen bei der Horch 350 Pullman-Limousine des Baujahres 1929 sogar zusammen. Denn da passt das Wort Autobiographie im wahrsten Sinne des Wortes. Als Kurator heißt es auch, die Geschichte von solchen Stücken so detailgetreu wie möglich aufzuarbeiten. Und bei diesem Horch ist es gelungen, alle Besitzer lückenlos, sogar auf den Tag genau, herauszufinden.

Stichwort Horch und Sonderausstellung „Horch 8“. Gibt´s da ein Lieblingsmodell?

Meyer: Ja, den Horch 855 Spezialroadster von 1938, von denen es weltweit nur noch sieben gibt. Auch weil es einmalig ist, damit die Spitze des Karosseriebaus der deutschen 30er Jahre zeigen zu können.

Diese Geschichte beim jüngst erworbenen viertürigen P70 Prototypen aufzuarbeiten, scheint durch den kompletten Fahrzeugschein etwas leichter. Oder ist dies eine besondere Motivation, noch tiefer in die Geschichte dieses Autos einzutauchen?

Meyer: Die Euphorie der „neuen Liebe“ ebbt langsam ab, weil der Alltag im Vordergrund steht. Aber der Stolz ist nach wie vor vorhanden und wird genährt. Denn aufgrund der Medienberichte, auch auf zwickau2000, gab es sogar eine Rückmeldung von einem einstigen Autobauer, der an diesem P70-Viertürer mitgewirkt habe.

Welcher Zeitabschnitt ist in der gesamten Ausstellung aus Sicht des Kurators die interessanteste oder die mit den noch meisten offenen Fragen?

Meyer: Das ist genau die P70-Ära. Das komplexe Zusammenwirken von Politik, Wirtschaftsinteressen- oder Verbote, die ingenieur-automobiltechnische Neugier, Suche nach neuen Erkenntnissen… Da ist noch Vieles offen. Auch, wie es den Besuchern interessant dargeboten werden kann. Eine Herausforderung, die ich gern vervollständigen und umsetzen möchte.

Ist das eine „Solo-Mammut-Aufgabe“ oder gibt´s auch Hilfe dabei?

Meyer: Dazu gibt´s hier im Museum ein kleines tolles Gremium, das sich darüber Gedanken macht, welche Jubiläen anstehen, wie das Publikum gezogen werden kann… Bei entsprechenden Sonderausstellungen kann ich aber meine Kreativität relativ frei ausleben.

Als Kurator in einem Oldtimer-Museum fährt dieser selbst welchen?

Meyer: Derzeit keinen. Aber ehrlicherweise besteht der Wunsch, mal einen zu besitzen – aus den 80ern und eine andere Marke als Audi oder Horch. (lacht) Um auch mal aus dem Alltag ausbrechen zu können.

In den 80ern lief hier noch der Trabi vom Band. Zwickau und der Automobilbau stehen nicht unbedingt auf sicheren Füßen, was deren Zukunft angeht!

Meyer: Es muss alles getan werden, um die Automobilbautradition in Zwickau am Leben zu erhalten! Auch markenneutral! Aber ohne Rüstungsbeteiligung! Und auch, weil wir als Museum diese Geschichte weiter aufarbeiten wollen.

Ein besseres Schlusswort kann es nicht geben. Noch viele kreative Ideen für neue und originelle Ausstellungen.

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