Kühlungsborn und Rerik – neue Namen, Militär und mehr

Gleichlange Strände, unterschiedliche Promenaden, Naturschutzgebiete

Urlaub machen am Meer. Für die Ostdeutschen hieß und heißt es – auch bei den sich nun bietenden Möglichkeiten, in südliche Hemisphären gelangen zu können – noch heute, an die Ostsee fahren. Allein die rund 380 Kilometer lange mecklenburg-vorpommersche Festlandküste bietet dazu ausreichend Angebote. Nicht zu vergessen die Inseln Rügen und Usedom.

Näher beleuchtet sollen nachfolgend die beiden eher westlich gelegenen Orte Kühlungsborn und Rerik sein. Beide tragen den Beinamen Ostseebad. K´born, wie die Einheimischen zu Kühlungsborn sagen, seit 1938 und Rerik dagegen bereits seit 1926. Bei K´born fällt dies mit der Fusion der früheren eigenständigen Gemeinden Brunshaupten, Arendsee und Fulgen zusammen. Noch heute ist die einstige Ortsgrenze zwischen Brunshaupten und Arendsee an der Mauer der Kühlungsborner Strandpromenade nachvollziehbar. Brunshaupten wird 1219 zum ersten Mal in einer Stiftungsurkunde des Nonnenklosters Sonnenkamp (Neukloster) erwähnt. Arendsee entstand um 1200 als sogenanntes „Wagendorf“ und wird 1275 erstmals urkundlich erwähnt, als Fürstin Anastasia von Mecklenburg das Dorf dem Kloster Sonnenkamp schenkte. Fulgen befand sich einst genau dort, wo der Fulgenbach, der im Westen von Bad Doberan entspringt, im neuen Yachthafen in Kühlungsborn Ost in die Ostsee mündet.

Die Stadt Rerik am nordöstlichen Ende des Salzhaffs, einem Teil der Wismarer Bucht, gelegen, hieß bis 1938 Alt Gaarz. Alt Gaarz geht auf das slawische Wort Ol Gartz zurück, was so viel wie „alte Burg“ bedeutet. Einen solchen slawischen Burgwall soll es unmittelbar an der deutschen Ostseeküste in der Zeit vom 9. bis 12. Jahrhundert nur noch in Kap Arkona gegeben haben. Alt Gaarz wurde erstmals 1230 urkundlich erwähnt und galt damals bereits als wohlhabendes Dorf. Um 1900 begann in Alt Gaarz der Badebetrieb und 1926 erhielt es die Bezeichnung „Ostseebad“. Im Nationalsozialismus war slawische Vergangenheit nicht erwünscht. Es erfolgte mit der Verleihung des Stadtrechts am 1. April 1938 eine Umbenennung des Ortes in Rerik. Zugrunde gelegt wurde dabei ein frühmittelalterlicher slawisch-dänischer Handelsplatz bei Groß Strömkendorf, der von 735 bis kurz nach 811 eine der größten Siedlungen an der Ostsee gewesen sein soll.

Soweit zur Namenskunde und Ostseebad-Tradition.

Es gibt allerdings weitere Gemeinsamkeiten, aber auch interessante Gegensätze dieser beiden Orte.

Kühlungsborn hat sich insbesondere in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten zum größten Seebad Mecklenburg-Vorpommerns entwickelt. Gegenüber rund 9000 Einwohnern stehen etwa 500.000 Gästeankünfte mit zirka 2,5 bis 2,6 Millionen Übernachtungen jährlich. Der Ort ertrinkt quasi insbesondere in der Hauptsaison im Touristenzustrom. Den zieht es vor allem an den paradiesisch (so er nach den Winterstürmen wieder gut aufgefüllt und in der Saison von zigtausenden Steinen auch beräumt wird) weißen Sandstrand. Der erstreckt sich über eine Gesamtlänge von über sechs Kilometer vom Naturstrand am Riedensee im Westen (einem der letzten Strandseen und wichtigsten Vogelbrutgebiete Mecklenburg-Vorpommerns mit durch den Mix aus Süß- und Salzwasser auffälligen Salzwiesen und einer einzigartigen Flora und Fauna, das es zum Naturschutzgebiet macht) bis zum teils etwas steinigeren FKK-Abschnitt im Osten. Wer der Sonne entfliehen will, kann dies mit einem Spaziergang in der Kühlung tun – dem mit 133 Hektar umfassenden und größtenteils naturbelassen Waldgebiet. Mit Höhenzügen bis zu 128 Metern gilt es als kleinstes Mittelgebirge Norddeutschlands. Schatten bietet in den Vormittagsstunden auch die mit 4,6 Kilometern längste innerhalb eines Ortes in Deutschland durchgehende und pulsierende Strandpromenade. Sie verläuft leicht erhöht und bietet durchgehend einen Blick auf die Ostsee. Aber Vorsicht! Zwar ist das Radfahren dort untersagt. Allerdings haben es die Verantwortlichen bislang nicht übers Herz gebracht, auch das Nutzen von Inlinern und E-Rollern zu untersagen. Prangt im Westen seit Juni 2020 ein gut 45 Meter hohes Riesenrad, ragt im Osten des Ortes, in der Verlängerung der Strandstraße, die immerhin 240 Meter lange Seebrücke ins Meer. Die längsten an der Ostsee befinden sich Prerow (Fischland-Darß-Zingst, 720 m) und in Heringsdorf (Usedom, 508 m).

Kühlungsborn zugerechnet wird fälschlicherweise der über 100 Jahre alte Leuchtturm Bastorf in gleichnamiger Gemeinde. Somit wird Kühlungsborn ein „Fast-Rekord“ zugeordnet. Denn dort thront das nur knapp zwei Kilometer entfernt befindliche und über einen idyllische Panoramaweg erreichbare höchstgelegene Leuchtfeuer Deutschlands. Auch wenn es mit nur etwa 20,8 Metern Turmhöhe zu den kleinsten gehört, kommt es oberhalb vom Kap Bukspitze auf eine Gesamthöhe von 95,3 Meter über Normalnull. Das Denkmal und Wahrzeichen der Ostseegemeinde bietet bei klarer Sicht nach dem Aufstieg der 55 Stufen einen wunderschönen Panoramablick von Warnemünde bis zur Insel Fehmarn.

An der bereits erwähnten Promenade befindet sich ebenso der 1972 errichtete See-Grenzbeobachtungsturm (BT 11) der Grenzbrigade Küste der Grenztruppen der DDR. Das angeschlossene Museum gewährt einen authentischen Einblick in die DDR-Grenzgeschichte, ist wie der Turm für Besucher frei zugänglich und bietet einen spektakulären Ausblick. Bei guter Sicht geht der Blick für das bloße Auge etwa 12 Seemeilen (ca. 22 Kilometer) weit auf die Ostsee und ins Umfeld hinaus. Er gehörte zu den ehemals 27 Türmen dieser Art an der Küste der DDR. Ein zweiter noch erhaltener Wachturm steht in Börgerende, der hingegen nicht besteigbar ist.

Kühlungsborn war zudem Standort einer Spezial- und Unteroffiziersausbildungs- sowie Kfz-kompanie. Ein Teil der Unterkünfte wurde später zu zivil genutzten Wohnungen umgebaut.

Fern ab davon besticht der Ort ebenso vor allem entlang der Ostseeallee und teils auf der auch als Einkaufs- und Flaniermeile betitelten Strandstraße durch seinen Mix an historischer Bäderarchitektur. Einen Mix, oder wie es einige auch nennen: kulinarische Vielfalt, zeigt sich ebenso bei den Restaurants. Urische Kneipen, wie das älteste K´borner Fischlokal „Zur Reuse“ mit authentischer norddeutscher Gemütlichkeit, sind kaum noch vorhanden. Speisen made in Amerika, Asien oder Mittelmeer-Anrainern haben sich durchgesetzt.

Das krasse Gegenteil zur imposanten Bäderarchitektur bildet die Villa Baltic im Ortsteil West. 1912 im Neobarock errichtet, bot es mit seinen langgezogenen Balkonen, dem Mansardendach, mit dunklem Marmor ausgestatteten Innenräumen, der Freitreppe aus rotem Granit, das durch ein geschwungenes Glasdach erhellt wurde, lange Zeit einen über die Stadtgrenzen hinaus bestehenden Blickfang des Ortes. Es diente lange Zeit als Erholungs- und bis zur Wende als FDGB-Ferienheim. Legendär waren die Tanzabende. 1972 erhielt die Villa eine direkte Verbindung in die benachbarte Meerwasserschwimmhalle. Die wurde 2017 abgerissen. Nicht erst seitdem ist die Villa dem Verfall preisgegeben. Ein nicht enden wollender Hick-Hack wischen Investoren und Stadtverwaltung scheinen dem Haus in naher Zukunft den absoluten Garaus zu machen.

Diese Art von Sorgen gibt es im eher verträumt wirkenden, mit ruhigem Charme überzeugenden Rerik nicht. Hier fällt alles etwas kleiner aus. Die etwa ein Kilometer lange Haffpromenade entlang des Ufers des Salzhaffes mit Haffanleger für Sportboote und den daneben befindlichen Fischereianleger, wo am Morgen einheimische Fischer anlegen und fangfrischen Fisch verkaufen, trumpft mit einem großzügig gestalteten Kinderspielplatz und mündet auf den Haffplatz mit einigen Gaststätten und Geschäften. Fangfrischer Fisch wird zudem in den zahlreichen Gasthäusern und sogar einer Erlebnisräucherei des Ortes angeboten. Selbstverständlich lädt das Ostseebad auch ans Meer ein. Sein Strand ist insgesamt sechs Kilometer lang und erstreckt sich von der reizvollen Steilküste im Nordosten bis hin zum Wustrower Hals. Die vorhandene Seebrücke ist allerdings seit Jahren leider nicht begehbar.

Einen Pflichtbesuch verdient auf jeden Fall die St.-Johannes-Kirche. Erbaut auf einem Feldsteinsockel zwischen 1250 und 1270 zählt sie zwar zu den weit über 1000 steinernen Zeugen des Landes und ist trotzdem nicht nur durch ihr Formenreichtum und das handwerkliche Können im Inneren etwas Besonderes. Die dänische Königin Margarethe von Dänemark soll die Kirche nach einer alten Überlieferung aus Dankbarkeit gestiftet haben, als sie in Seenot geriet und von Alt Gaarzer Fischern gerettet wurde. Bei der montäglich 10 Uhr angebotenen Führung gibt´s im Vortrag und anschließenden unterhaltsamen Gesprächen viel Interessantes zu erfahren. So, dass 1668 der Barockmaler Hinrich Greve alle Wände und Gewölbe der Kirche in beeindruckender Farbigkeit und einzigartiger erhaltener barocker Ausmalung gestaltete. Greve mischte wie andere Kirchenmaler dieser Zeit für solche Farben oft Bier als sogenanntes Bindemittel hinzu, da die darin enthaltene Würze und Stärke nicht nur die Pigmente gut haftend machten und eine matte, feine Oberfläche erzeugten. Sie blieben so trotz im Laufe der Jahrhunderte sechsfach aufgetragener Kalkschichten inklusive späteren Übermalungen erhalten. Deren Vollständigkeit ist in Norddeutschland einmalig. Auch wenn nur ein Teil davon freigelegt wurden. Gleichfalls ist die Geschichte des Glockenspiels und der historisch einmaligen Ausstattung mehr als zuhörenswert – und, bei Nachfrage, natürlich auch ein mündlicher Exkurs zur Halbinsel Wustrow, die ursprünglich eine Insel war.

Dieses Areal scheint  d i e  Sorge des Ortes zu sein, obwohl hier David gegen Goliath bis dato eine hervorragende Schlacht schlägt. Die Besiedlung der Halbinsel reicht bis in die Steinzeit zurück. Nach zahlreichen Gutsherren- und Besitzerwechseln erwarb die Reichswehr 1933 das Gut und baute es zur größten Ausbildungsstelle der deutschen Flakartillerie aus und errichtete zudem ein Luftabwehr- und Luftwaffenstützpunkt. Es wurden neben den Unterkünften in der sogenannten Gartenstadt auch ein Kaufhaus, eine Schule sowie ein Krankenhaus errichtet. Am 2. Mai 1945 übernahm die sowjetische Armee Wustrow kampflos und erkannte sofort die militärischen Vorteile von Wustrow ob seiner Lage. Schießübungen auf Boden-, See- und Luftziele waren fortan an der Tagesordnung, ebenso wie Panzerübungen und andere militärische Vorgänge. Damit war 1993 Schluss. Die Sowjetarmee verließ die Halbinsel. Sie gelangte laut Einigungsvertrag in das Grundvermögen des Bundes. Die dem Ex-Kanzler Kohl nahestehende Fundus-Gruppe, die in MeckPomm mehr als einen zwiespältigen Ruf (viele Anleger verloren ihr Geld durch die Insolvenz des Grand Hotel Heiligendamm) „genießt“, wollte und will dort Luxus-Ferienresort etablieren. Doch inzwischen, nach mittlerweile gut drei Jahrzehnten, ist Wustrow heute ein wichtiges Naturschutzgebiet, in dem die Natur sich die alten Ruinen und das gesamte Areal längst zurückerobert hat, zig seltene Pflanzen und Tiere hier ihr Zuhause gefunden haben. Inzwischen haben Konflikte zwischen dem privaten Eigentümer und der Stadt Rerik dazu geführt, dass auch die früher zu Fuß erlaubten Besichtigungen sowie die Führungen per Kremser ab 1. Januar 2026 eingestellt, vom Inhaber – weil er davon nicht profitiere – untersagt wurden. Weil sich David Rerik gegen Goliath Fundus wehrt!

Ebenso wie es der Ort bis dato geschafft hat, unmittelbar vor seiner Küste keinen Windpark zur Stromversorgung in Bayern errichten zu lassen. Zu all dem passt abschließend der Tipp, mal einen Abstecher nach Klein Strömkendorf auf den 1,3 Kilometer langen Lehrpfad der „unholde(n)“ Personen (auch „Arschlochpfad“ genannt) im Wald des dortigen Gutshauses zu unternehmen. Da kann sich der Spaziergänger auch als eine Art David fühlen.

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