Vom lost zum forbidden Place mit ungewisser Zukunft
Nach nunmehr fast drei Jahrzehnten scheint Wustrow wieder ein Ort der Idylle geworden zu sein. Mittlerweile wuchern dort hohes Gras und Wildblumen, sind die einst angelegten Wege verwildert, krabbelt bekanntes neben seltenem Getier, sind wohlvertraute Vogelstimmen zu hören, zwitschert und brütet unbekanntes Gefieder. Geschätzte neunzig teils seltene Vogel- und etwa zwanzig Libellenarten, Füchse, Dachse und Mufflons haben hier ebenso wie blonde Wildschweine ihre Heimat gefunden. Es gedeihen zudem unterschiedlichste salzliebende Pflanzen.
Auch dort: Eine Ruinenlandschaft, zerschossene Gebäude, von Fassaden bröckelnder Putz, eingestürzte Mauern, leere Fensterhöhlen, fehlende Dachsteine…
Auf der anderen Seite aber auch kilometerlanger Sandstrand und das malerische von einem Schilfgürtel geschützte Ufer zum Salzhaff hin. Wustrow ist nach Jahrzehnten Lärm und Getöse ein besonderer Ort geworden. Ruhig und abgeschieden – rund fünf Kilometer lang und maximal zweieinhalb Kilometer breit und abgeriegelt mit einem Zaun.
90 Jahre gesperrt, 30 Jahren unbewohnt.
Dies bedarf sowohl einen Blick in die Vergangenheit als auch voraus.
Ursprünglich, als die slawische Burg Alt Gaarz (Alte Burg) die Zufahrt zum Salzhaff schützte, war Wustrow noch eine Insel. Später entstand eine Nehrung, die Wustrow mit dem Festland bei Rerik verband, sodass Wustrow eine Halbinsel wurde. Die 700 Meter lange Nehrung wurde 1872 und 1874 bei einem Ostseesturmhochwasser durchbrochen und an mehreren Stellen die Düne gänzlich abgetragen. Ein ständiger Durchbruch der Nehrung gefährdete allerdings Rerik und die am Salzhaff liegenden kleineren Ortschaften. So wurden noch 1874 Windfangzäune, ein Deich und eine Straße angelegt – der Wustrower Hals. Seither verbindet er das zur Halbinsel gewordene 10 km² große Wustrow mit dem Ostseebad Rerik.
Die Besiedlung von Wustrow soll vermutlich bereits in der Bronzezeit (2200 bis 800 v. Chr.) und später durch Slawen begonnen haben. Im Jahr 1273 wird Wustrow das erste Mal urkundlich erwähnt. Über Jahrhunderte hinweg war das Gebiet Sitz eines landwirtschaftlichen Gutes, lebten die Menschen dort hauptsächlich von Feldbestellung und Fischerei. Unterlagen zufolge war die Familie von Moltke die erste Gutsbesitzerin. Darauf folgte die Familie von Oertzen, ab 1649 der schwedische Oberst Erich Hansson Ulfsparre, danach mehrere Generationen der Familien von Winterfeld und von Plessen. Weitere Besitzerwechsel folgten bis 1820 die Familie Stever das Gut übernahm. Nach einigen weiteren Besitzerwechseln erwarb 1925 Hans von Plessen das Gut.
1933 kaufte die Reichswehr das Gut für rund 1,4 Millionen Reichsmark und baute es zur größten Ausbildungsstelle der deutschen Flakartillerie aus. Zudem entstanden ein Luftabwehr- und Luftwaffenstützpunkt samt Flugplatz. Auf dem Gelände waren außerdem vorwiegend Offiziere, Soldaten bzw. Offiziersfamilien untergebracht. Bereits vier Jahre später befanden sich auf Wustrow 180 Gebäude. So auch das zu dieser Zeit modernste Hallenbad Deutschlands, ein Kino, Kindergarten und Schule, ein Kaufhaus sowie ein eigenes die Halbinsel mit Strom versorgendes Elektrizitätswerk. Die Militärstadt/Gartenstadt beherbergte bis zu 4000 Menschen. Entworfen wurde sie von Heinrich Joachim Helmuth Leonhard Tessenow. Der 1876 in Rostock geborene Tessenow zählt zu den bedeutenden deutschen Architekten und Baumeister auch andere Gartenstädte. Er war Hochschullehrer und zählt zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Reformarchitektur. Seine auf 45 Hektar errichteten neunzig zweistöckigen Häuser mit zwei- bis sechseinhalb Zimmern folgten dem Vorbild seiner sozialreformerischen Gartenstadt-Architektur. So verfügten seine Häuser sämtlich über fließend Wasser und einige über großzügige Balkone und teils sogar über eine Zentralheizung. In unmittelbarer Umgebung der Häuser waren kleine mit Obstbäumen bepflanzte Gärten angelegt.
Mit Beendigung des 2. Weltkrieges ging Wustrow kampflos an die sowjetischen Armee über. Die 1945er Bodenreform erlaubte Neubauern, das Land für sich zu nutzen. Doch 1949 wurde die Halbinsel von Zivilisten vollständig geräumt und die Sowjetarmee, die die militärischen Vorteile von Wustrow längst erkannt hatte, hier stationiert. Vorhandene Gebäude wurden militärisch umgerüstet, neue zum Beispiel für Marine- und Nachrichtentruppen errichtet. Neben Lagerhallen und Unterkünften, einem Schieß- und Ausbildungsplatz entstand auch ein Krankenhaus. Schießübungen auf Boden-, See- und Luftziele waren fortan üblich, waren wie Panzerübungen und andere militärische Vorgänge tägliche Begleiterscheinungen der Reriker Bevölkerung und der umliegenden Orte.
Nach dem politischen Umbruch dauerte es noch bis 1994 bis die Sowjetarmee endgültig die Halbinsel verlassen hatte. Sie hinterlässt über das Areal verstreut tonnenweise Unrat, Munitionsreste, Chemikalien und Müll. Nach deren Abzug wurde die Gartenstadt 1995 kurzzeitig unter Denkmalschutz gestellt. Der wurde wieder aufgehoben, um Wustrow besser verkaufen zu können. Gewissheit bestand, dass eine weitere militärische Nutzung ausgeschlossen wurde. Hoffnung keimte, dass ehemalige Bewohner nach Wustrow zurückkehren könnten. Denn die Halbinsel gelangte laut Einigungsvertrag in das Grundvermögen des Bundes. Damit hätte die Bundesrepublik auch das Entsorgen der Altlasten und das Beheben der Schäden übernehmen müssen, was bis dato nicht erfolgt ist. Zuständig wurden die Verwaltungsbehörden, die Oberfinanzdirektion Rostock und das Bundesvermögensamt. Doch weil es zwischen den beiden zu keiner Einigung über die zukünftige Nutzung kam, siegte in dem Fall Goliath über David: Der Bund, genauer: Die Treuhand verkaufte Wustrow 1998 an die Fundus-Gruppe. Nochmal genauer: An den Aachener Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld, der schon Großinvestor beim Berliner Adlon-Hotel gewesen war. Aber auch das Grand-Hotel Heiligendamm mittlerweile „in den Sand gesetzt“ hat, wobei viele Anleger ihr Geld verloren. Nicht nur daher rührt der Widerstand der Reriker. Waren es doch einst Bundeskanzler Helmut Kohl und sein damaliger Finanzminister Theo Waigel, die Jagdfeld (der in jungen Jahren PR für Kohl gemacht hatte – Seilschaft lässt grüßen) persönlich darum baten, sich für die strukturschwache mecklenburgische Ostseeküste zu engagieren. Es folgte dessen Kauf von Heiligendamm und Wustrow. Für die Halbinsel soll Jagdfeld rund 12,5 Millionen D-Mark (rund 6,25 Millionen Euro) auf den Tisch gelegt haben. Nach Jagdfelds Plänen sollte dort ein Luxusresort entstehen. Mit Jachthafen, Golfplatz, einem Hotel a la Heiligendamm, einer Jugendherberge, einem Reiterhof und auf dem Gelände der ehemaligen Gartenstadt 550 Wohneinheiten als Erst- und Zweitwohnsitze sowie Ferienwohnungen. Doch insgesamt drei Bebauungspläne scheitern an den fehlenden Baugenehmigungen. Auch weil noch von der letzten DDR-Regierung gut 900 Hektar der Halbinsel unter Naturschutz gestellt wurden.
Die Pläne scheiterten und scheitern am Widerstand der Stadt Rerik. Diesmal ein (noch andauernder) Sieg von David über Goliath. Eine Bürgerinitiative („Wir für Rerik“) gründete sich, die das Jagdfeld-Projekt ausnahmslos ablehnt. Es sollen sich nicht wieder jeden Tag Tausende von Fahrzeugen durch die Stadt und über den schmalen Wustrower Hals wälzen. Seit mehr als zwanzig Jahren laufen die Gespräche über den Bebauungsplan. Die Fronten sind verhärtet. So wurde die Halbinsel für den Autoverkehr gesperrt. Daraufhin sperrte der Eigentümer 2004 erstmals den Zugang. Somit waren auch keine bis dahin genehmigten Führungen mehr möglich. Etwas später gab es dieses Zugeständnis allerdings wieder. 2013 sperrte die Fundus-Gruppe erneut den Zugang, den sie erneut aufhob. Seit Januar 2026 sind sowohl die Führungen per pedes als auch die geführten Kremserfahrten untersagt.
Nicht nur die Bürgerinitiative möchte, dass Wustrow von der Stadt oder dem Land zurückgekauft und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden soll. Doch die Fundus-Gruppe will partout nicht verkaufen. Zu viel sei bisher in das Areal investiert worden, lautet deren Begründung. Fundus wolle zu Ende bringen, was begonnen wurde.
Ziel von Bürgerinitiative und Stadt ist es, die Halbinsel – von der ohnehin neunzig Prozent unter Natur- oder Landschaftsschutz stehen – in einen Naturpark umzuwandeln, mit „sanftem Tourismus und gelegentlichen Gästen“ zu betreiben. Auch bereits bestehendes Zusammenwirken wie mit der Uni Greifswald oder dem Nabu soll vertieft werden. Eine Beteiligung, gar zugesicherte Unterstützung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und von in Frage kommenden Umweltstiftungen lässt allerdings auf sich warten.


