Skisprung-Ikone Jens Weißflog über seinen Sport und mehr

„Es muss keiner Skispringer gewesen sein, um Entsprechendes zu lehren!“

Unweigerlich und auch des Respekts wegen ist bei einer Debatte zum Thema Skispringen ein Name Pflicht: Er ist bis dato einer der sechs Athleten (neben Espen Bredesen, Thomas Morgenstern, Matti Nykänen, Domen Prevc und Kamil Stoch), der die wichtigsten vier Wettbewerbe im Skispringen (Olympia, Weltmeisterschaften, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee) sogar mehrmals gewonnen hat und der einzige Athlet, der sowohl im Parallel- als auch im V-Stil eine Einzelmedaille bei Olympischen Spielen erringen konnte. Er ist eine Skisprung-Legende – Jens Weißflog. Eingeladen von Volkhardt Kramer und seiner Sport-Marketing-Agentur war er Ehrengast auf der Vogtland-Sport-Gala 2026 und gab darüber hinaus Auskunft zu Fachlichem und Privatem.

Es ist kaum vorstellbar. Irgendjemand hat geschrieben, Jens Weißflog soll Sport-Abstinenzler sein. Nichts mit Lang- oder Abfahrtslauf im Skigebiet des Fichtelbergs?

Jens Weißflog: Das stimmt nur bedingt. Ich betätige mich sportlich nur noch rein aus Spaß an der Freude, relativ wenig und ja beides, sowohl Lang- als auch Abfahrtslauf.

Wie groß ist heute noch der Stolz, dass es durch die Zeitverzögerung von Lasse Ottesen bei der Vierschanzen-Tournee 1993/94 seither einen Startkampfrichter gibt, der eigentlich auch Weißflog-Richter heißen könnte?

Jens Weißflog: (lächelt) Dass sich dieser Umstand derart im Gedächtnis der Skisprungfans festgesetzt hat, ist erstaunlich. Für mich war das nicht lange Thema, weil ich solche Situationen schnell abgehakt habe. Und alles andere wäre wohl der Ehre etwas zu viel.

Bleiben wir beim Reglement. Die jüngst eingeführte Gelbe Karte bei Verfehlungen – doch eher eine Lachnummer, weil nicht sofort an die Finanzen gegangen wird?

Jens Weißflog: Die finanzielle Bestrafung ist, so traurig das erscheint, das Einzige, was Wirkung zeigt. Das haben die Disqualifikationen in diesem Winter gezeigt. Vom Fenster weg heißt vom Sponsor weg. Das tut weh!

Wie kann das Reglement sowohl aus technischer als auch individueller Sicht noch besser ausgereizt und gerechter werden?

Jens Weißflog: Das Skispringen hat eine eigene Dynamik. Jegliches Material hat sich derart schnell entwickelt, dass selbst kleine Veränderungen große Wirkungen nach sich ziehen. Darauf muss in Zukunft umgehend, schneller reagiert werden.

Warum gerät das Körpergewicht mehr und mehr in den Fokus, wird streng limitiert?

Jens Weißflog: Zu meiner aktiven Zeit war das Körpergewicht mehr oder weniger „frei wählbar“, allerdings das Wissen um die Rolle des Körpergewichts im gesamten Bewegungsablauf durchaus schon vorhanden. Es erfolgte eine gesundheitsgefährdende Entwicklung nach unten. Dem musste Einhalt geboten werden. Mittlerweile ist alles durchgerechnet aufeinander abgestimmt und reglementiert und gut so. Skilänge und -breite sind ja auch nicht frei wählbar.

Selbst „linksseitig“ gesprungen, um die Fläche zu vergrößern. Warum geht eigentlich Fläche vor Windschnittigkeit, die parallel doch sicherlich höher ist?

Jens Weißflog: Rein physikalisch betrachtet schon. Aber hier spielt die Komplexität die entscheidende Rolle. Beim Parallelstil war die Landegeschwindigkeit wesentlich höher, also auch mit mehr Gefahr verbunden. Mit dem V-Stil, oder von mir aus auch H-Stil, ergibt sich eine größere Weite mit einer geringeren notwendigen Anlauf- und Aufsprunggeschwindigkeit.

Das Damenskispringen soll noch attraktiver werden. Wie groß wären die Chancen einer Sachsen-Thüringen-Lady-Tour, z.B. in Klingenthal, O´thal, Oberhof und Brotterode?

Jens Weißflog: Eine durchaus reizvolle Idee, die allerdings am derzeitigen Reglement scheitert. Denn dann hätte Deutschland sechs Weltcup-Springen, wo derzeit nur zwei pro Land zugelassen sind. Mit Willingen hat Deutschland schon eine Zugabe.

Im Januar 2026 hieß es beim 4. DSV-Nordcup bei den Juniorinnen der Altersklasse 16-19: Greta Weißflog vom WSC Erzgebirge Oberwiesenthal gewinnt überlegen. Wann tritt die Tochter die Nachfolge von zum Beispiel Katharina Schmid (ehemals Althaus) an?

Jens Weißflog: (überlegt kurz) Ich will´s so sagen: Greta ist auf einem guten Weg, aber ob das ganz nach vorne geht… wir lassen der Entwicklung mal freien Lauf.

Es heißt immer: Der Springer muss sich jedes Mal, abgesehen von den Wetterbedingungen, neu auf die Schanze einstellen. Ein „persönliches Schanzen-Lexikon“ wäre doch gut?

Jens Weißflog: (lacht) Ein grandioser wie nicht umsetzbarer Gedanke. Denn in einer gewissen Art ist die Sprungtechnik zwar die gleiche, aber jede Schanze hat letzten Endes, abgesehen von den Wetterbedingungen, jedes Mal eine andere Wirkung auf den Athleten. Das ist eben so.

Bei vielen, fast allen Sportarten spielt sich Vieles im Kopf des Athleten ab. Boxer werden in den Rundenpausen auch nicht befragt. Wie ist der Einfluss von Interviews zwischen den Sprüngen diesbezüglich zu werten?

Jens Weißflog: Zunächst kann das jeder Aktive selbst entscheiden, ob er zwischen den Sprüngen zum Interview geht, diese Minute seinem Sponsor widmet. Es ist allerdings eine Tortur, die dann weniger gescheiten Fragen beantworten zu müssen.

Kurz mal ins Fach des Hoteliers. Im Jahr 2024 gab es anlässlich der Olympiasiege in Sarajevo 1984 und Lillehammer 1994 jeweils ein Fass Single Malt Whisky. 2034 soll es zwei neue Jubiläumseditionen geben. Eigentlich selbst Whisky-Liebhaber, zumindest Trinker?

Jens Weißflog: Ja, die wird es geben. Und ja, ich trinke, nein: ich genieße gelegentlich einen guten Single Malt.

Traditionell gibt´s im eigenen Hotel den „Kaffeeklatsch mit Jens Weißflog“. Was sind die dabei am häufigsten gestellten Fragen?

Jens Weißflog: Wie hier im Interview auch, alles zur Situation mit Ottesen.

Warum gibt´s in der Gaststätte eine helle und eine dunkel bestuhlte Seite?

Jens Weißflog: Dafür gibt´s keinen besonderen Grund. Das hat der Designer so festgelegt und lockert das Ambiente doch auch etwas auf.

Zum Schluss nochmal Skisport bzw. Sport insgesamt: Wenn bei den Bundesjugendspielen die ersten Plätze nicht mehr mit Medaillen belohnt werden, sich vom Leistungsprinzip immer weiter entfernt wird, führt das…

Jens Weißflog: … auf alle Fälle nicht zu den gewünschten Erfolgen auf internationaler Ebene. In Norwegen gibt´s bis Altersklasse 12 auch keine Medaillen. Da werden Spaß und Freude am Sport geweckt und intensiviert. Sicher auch mit Blick auf den Nebenmann und dem da noch spielerischen Umgang mit Niederlagen. Danach gilt es allerdings, den Schalter umzulegen, der Forderung nach Leistung gerecht zu werden.

Und was die wenigsten wussten: Der kürzlich verstorbene Eberhard Riedel, Abfahrts-Legende, war Trainer von Jens Weißflog. Ein Abfahrer trainiert einen Skispringer – wie das?

Jens Weißflog: Eberhard war Diplomsportlehrer! Ein guter! Es muss keiner Skispringer gewesen sein, um Entsprechendes zu lehren!

Danke für die aufschlussreichen Informationen und noch viele schöne Erlebnisse an den Schanzen und im eigenen Hotel.

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