Unliebsame Begleiterscheinungen – Teil I
Neben zahlreichen Reisen als Solist gab es auch Auslandsurlaube mit weiblicher Begleitung. Nicht minder beängstigend reihen sich diese drei folgenden Episoden in die zahlreichen unliebsamen Erlebnisse ein.
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Auf der schönen Insel Korfu im Ionischen Meer wird dem Touristen alles geboten. Das Eiland bietet im Südwesten Feucht- und Lagunengebiete und Richtung Norden sowohl zerklüftete Berge als auch zahlreiche Strände. Es lädt zu Bergwanderungen ein, trumpft aber auch mit kleinen einsamen, großen sandigen Buchten oder dünenbestandenen Sandstränden. Oft ragen jedoch die Felsen steil ins Meer, ist die Küste nicht zugänglich. Die zahlreichen Urlaubsorte spiegeln in ihrer Architektur das kulturelle Erbe von venezianischer, französischer und britischer Herrschaft wider. Olivenbäume begleiten den Erholungsuchenden auf Schritt und Tritt.
Eine Reise führte mich genau auf diese Insel, in einen der Badeorte an der Nordwestküste, nach Acharavi. Neben meiner damaligen Begleiterin war auch deren Sohn „mit im Gepäck“. Wir hatten uns, getrennt wohnend und sozusagen eine Wochenendbeziehung pflegend, auf eine gemeinsame Urlaubskasse geeinigt, die – obwohl das rein rechnerische Personenverhältnis zwo zu eins war – halbehalbe gefüllt wurde. Gebucht war eine Villa mit Selbstversorgung. Ein wahres Träumchen. Das Haus hatte einen eigenen etwa sechzig Quadratmeter großen sogar mit kleinen Palmen bepflanzten Garten, eine schöne möblierte Veranda, Küche, Bad, Wohnzimmer, Schlaf- und Kinderzimmer. Alles hatte leider einen Haken, den ich erst vor Ort schlucken musste: Von Haus aus verwöhnt, sollte, musste, durfte sich in den zwei Wochen alles um den Sohnematz drehen. Das hatte Mutti ihrem Zögling zu Hause – wir wohnten wie gesagt getrennt – ohne mein Wissen so versprochen. Denn in den heimischen vier Wänden stellte – logischerweise – Mutti die Regeln auf. Also durfte er im Urlaub ran. Er hatte zwar das gesteckte, vorgegebene Ziel auf seinem Schuljahresabschlusszeugnis um 0,5-Durchschnittspunkte verfehlt – aber sich doch Mühe gegeben. Wer also zum Frühstück frische Semmeln holen musste, wurde auf seinen Wunsch hin am Abend zuvor ausgewürfelt. Und wehe, er verlor das Spiel. Dann erbarmte sich Mutti, früh zum Bäcker zu gehen. Er war der Bestimmer oder der gnadenvolle Absegner aller Tagesunternehmungen. Ob am Strand oder bei Ausflügen, die ihm besonders auf den Nerv gingen. Es machte sich die Befürchtung breit, dass ich vom vielen Schlucken dieser Begleiterscheinungen mit einem Magengeschwür nach Hause reisen würde.
Einer der Tagesausflüge war per Rad nach Sidari geplant und wurde schließlich und endlich doch von der Mutter gegen den Willen des Sprösslings durchgesetzt. Von Acharavi bis ans Ziel – dem sogenannten Canal d’Amour – waren es etwa dreizehn Kilometer. Die kleine, längliche, zwischen lehmigen Sandsteinklippen eingepferchte Bucht war natürlich nichts zum Rumtollen. Obwohl ich der Meinung war, dass ein Zwölfjähriger auch mal einen Tag mit Sport – Radfahren und Tauchen im dort vorhandenen klaren Wasser – sowie dem Genießen der Landschaft verbringen kann.
Der Tag war unbändig heiß. Die Getränkevorräte waren schnell aufgebraucht, weil das Söhnchen Durst über Durst hatte. Was zur Folge hatte, dass erst Mutti dem armen Kerl ihre Ration spendierte und ich auch an der Reihe sein durfte. Ein Vorort-Kiosk konnte dabei auch nicht weiterhelfen, weil Getränke in Flaschen zum Mitnehmen so gut wie ausverkauft waren. Wir ergatterten noch zwei Dosen Mineralwasser, von denen eine selbstverständlich allein dem quengeligen Nachwuchs zustand.
Trotz des Genöles des Nachwuchses – weil, es ging bereits sieben Uhr los – gefiel die Location vor Ort dann doch „fast sehr gut“. Wir waren durch den frühen Start bei Zeiten angekommen. Somit heimsten wir auch einen Sonnenschirmplatz am relativ schmalen Strandabschnitt ein. Tauchen und Baden und Sonnen auf den natürlichen Terrassen ließen keine Langeweile aufkommen. Söhnchen hatte Badespaß und – Sidari schien an diesem Tag regelrecht deutsch besiedelt – hatte gleichaltrige für den Zeitvertreib gefunden.
Zurück im Zuhause sollte der junge Mann nochmal die knapp vierhundert Meter zum Discounter laufen, oder radeln, und einen Sechserpack Wasser holen. Schließlich habe er das meiste getrunken und sei jung und fit, begründete Mutti den Auftrag. Widerwillig strampelte er los. Was brachte er: Eis – weil er darauf Bock hatte und es angeblich kein Wasser mehr gab. Na ja, also blieb eine noch vorhandene 1,5-Liter-Flasche für uns drei zum Abendbrot, eine Flasche Bier und etwa eine neige Rotwein, die für zwei Schoppen reichte. Letzteres genossen wir Erwachsenen. Das Kind hatte immer noch Durst ohne Ende und leerte die Wasserflasche fast alleine.
In der Nacht bekam ich irrsinnige Schmerzen im hinteren Becken- und Unterleibsbereich. Mir war, als ob mir jemand ein Messer tief und andauernd zwischen die Beine genau in den Schritt rammen würde. Selbst die in der Reiseapotheke befindlichen Voltaren brachten keine Besserung. Schließlich entschloss sich meine Begleiterin nach Rücksprache mit mir, den Notarzt anzurufen. Vorher instruierte ich sie, was sie zu machen hätte: „Ich bin über den ADAC auslandskrankenversichert!“ Dazwischen der Sohn: „Ich bin müde, ich will schlafen. Macht mal nicht so laut!“ Das war eigentlich kurz vor einer kräftigen Schelle, die mir zwar nicht zugestanden, ich aber liebend gern verabreicht hätte. Aber ich lag auf meinem Bett wie tot. Ich wiederholte: „Ich bin über den ADAC auslandsrankenversichert! Im ADAC-Heft sind drei Scheine für einen dringenden Arztbesuch, eben für so einen Notfall. Die sind wie bares Geld! Die sind jeweils 250 DM wert. Davon gibst du dem Arzt einen! Kein Bargeld! Verstanden!“ „Ja, ja“, war die Antwort. Und jeder weiß, was „ja, ja“ bedeutet.
Genauso geschah es.
Der Notdienst war eine Ärztin. Vor der Untersuchung und einer dann verabreichten Spritze wollte sie natürlich wissen, ob ich versichert sei, wie die Bezahlung erfolge. Das alles in Englisch, dem selbstverständlich meine Begleiterin so gut wie gar nicht mächtig war. Ihr inzwischen neugierig gewordener Steppke verstand mit seinem angeblich Top-Schulenglisch auch nur Bahnhof. Ich fühlte mich immer noch total am Boden, konnte mich kaum regen. Selbst das Sprechen war irgendwie schmerzlich. Ich stotterte: „Very strong sting as a knife between my legs!“ Die hübsche Doktorin, schwarzhaarig, vielleicht um die Vierzig, schien zu verstehen, was ich ihr mitteilen wollte. Letztendlich war es ein Kauderwelsch aus englisch und deutsch – was die Ärztin auch ein wenig sprach – und meinen Gestikulationen, um empfundene Schmerzen und betroffene Körperstellen zu erläutern. Am Ende stellte sich heraus: Ich hatte aufgrund der Tageshitze, dem vielen Schwitzen beim Radfahren und der viel zu wenigen Flüssigkeitsaufnahme eine Nierenkolik.
Ich solle fortan viel trinken und mich die nächsten Tage nicht körperlich anstrengen, war der Rat der Ärztin. Nur war nichts Trinkbares mehr im Haus. Die ebenfalls deutsche Familie in der Nachbarvilla war allerdings durch das Blaulicht, mit dem die Ärztin gekommen war, aufmerksam geworden. Die Frau stand in der Tür und fragte, ob sie helfen könne. „Ja, bitte mit Trinkwasser!“ bat die Ärztin. Nachbars spendierten zwei Flaschen. Eine sollte ich Glas für Glas in der nächsten Stunde trinken, was ich auch tat. Spritze und Wasser – eine einzige Wohltat.
Was noch viel schlimmer war und ich erst am Morgen darauf mitbekam: Meine superschlaue und überforderte Begleiterin hatte anstelle der ADAC-Notarzt-Scheine Bargeld gezückt. Zweihundert Mark. Die fehlten nun in der Urlaubskasse, mussten, sollten „ergänzt“ werden. „Für deine Krankheit können wir zwei ja nichts“, begann die Argumentation, dass ich die finanzielle Lücke per Bankabhebung von meinem Konto schließen sollte. Die ungerechte Getränkeverteilung des Vortages spielte keine Rolle. Von den Hinweisen bezüglich der ADAC-Notarzt-Scheine habe sie leider nichts mitbekommen, dass ich diese erwähnt hätte. Sie war schließlich in Sorge um mich gewesen – und musste sich zudem auch noch um den Sohn kümmern, der müde am Nörgeln war. Letztendlich einigten wir uns bei den zu beschaffenden zweihundert Mark auf halbehalbe. Aber auch diese Hälfte sprenge die von Mutti angesparten eingeplanten Urlaubsgelder, argumentierte sie. Ich solle den entstandenen Fehlbetrag alleine abheben und „vorschießen“. Daraufhin versagte ich mit dem gleichen Argument den finanziellen Nachschub. „Gut, dann heißt´s eben ab jetzt kürzertreten“, lautete unter Protest des Sohns Muttis Antwort.
Bei einem Spaziergang, den ich zwei Tage danach allein unternahm, schaute ich bei der Ärztin rein. Sie hatte eine Visitenkarte hinterlassen, falls sich meine Beschwerden nicht bessern sollten. Ich hatte einen Blumenstrauß dabei und konnte sie überzeugen, einen Arzt-Auslands-Versicherungsschein des ADAC im Wert von 250 DM gegen die in der Nacht entrichteten zweihundert in bar zu tauschen. Ihr war klar, dass sie dabei fünfzig D-Mark „Trinkgeld“ Machen würde und stimmte meinem Vorschlag zu. Warum meine Begleiterin nicht gleich einen solchen Schein gezückt habe und meine Erklärung samt Abwinken dazu quittierte sie mit einem Lachen. Meinen „Umtauscherfolg“ gab ich Mutti und Söhnchen natürlich nicht Preis. Eine für mich – dachte ich – gerechte Entschädigung für das Unvermögen meines Begleitduos.
Die eigentlich noch geplanten Unternehmungen für die restlichen Tage fielen aus. Ebenso war die Kommunikation gestört, erst recht „näheres Beisammensein“. Eigentlich wäre es besser gewesen, dies nach dem Korfu-Trip sogar für immer zu tun. Aber ich hab‘ ein viel zu großes Herz, ein viel zu gutes Gemüt – und bin von Haus aus Optimist, dass es sicherlich besser werden könne.
