Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Wenn der Arsch auf Grund gehen kann

Den emotionalen Moment dieser aus dem Jahre 1973 stammenden populären und 1997 umgetexteten Ballade von Elton John nutzte ich, um mit Hanna ins Gespräch zu kommen. Sie hatte während des Videos ihren Kopf an meine Schulter gelegt und bitterlich geweint. Auch mir waren Tränen geflossen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde: Wer, was, woher, wusste ich – Hanna war Englisch-Deutsch-Lehrerin und wolle in den kommenden Tagen noch die Drei-Finger-Halbinsel etwas näher erkunden. „Genug gedöst und auf Null geschaltet. Noch was unternehmen, von dem ich Zuhause erzählen kann“, begründete sie ihre Initiative des ausklingenden Urlaubs. Da es auch mich umtrieb, mehr von Chalkidiki zu erkunden, ich mir bereits zwei Touren ins unmittelbare Umfeld im örtlichen Büro meines Reiseveranstalters gebucht hatte, sagte ich: „Auch wenn ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Bei den Helenen gehört´s einfach dazu, eins zwei Abstecher in Klöster zu unternehmen. Übermorgen zum Beispiel mach‘ ich einen Ausflug zu den Meteora-Klöstern inklusive kurzem Abstecher in den Olymp-Nationalpark mit Wasserfällen und so und überübermorgen zur Kloster-Halbinsel Athos.“ Sie erwiderte sofort: „Das hört sich toll an. Wenn du nichts dagegen hast, fahr‘ ich gerne mit.“ Warum sollte ich. Ein Ausflug mit netter Begleitung ist immer besser, als allein unterwegs zu sein. Am Morgen darauf machten wir uns auf ins TUI-Büro. Ich faselte dort etwas von Schuldgefühl, weil ich anstatt zweier Plätze versehentlich nur jeweils einen gebucht habe und… Wir, besser gesagt Hanna, hatten Glück. Für beide Ausflüge waren noch Nachbungen möglich gewesen. Am Abend saßen wir wieder zusammen und klönten über Gott und die Welt, bisherige Urlaubserlebnisse.

Der „Meteora-und-Olymp-Tag“ war recht anstrengend. Viel Gekraksel, viel warm, viel zu lange Busfahrt. Jedoch das Erlebte und Gesehene entschädigte. Der Besuch der zum UNESCO-Welterbe gehörenden Klosteranlage ist einfach ein Muss. Diese bauliche Meisterleistung – Meteora bedeutet zu Deutsch ‚in der Luft schwebend‘ – beschreibt die Lage der Klöster vortrefflich. Auf den gewaltigen, bis zu einer Höhe von etwa 350 Metern stalagmitförmigen dunklen emporragenden Sandsteinfelsen errichtet, scheint es bei gelegentlich aufkommendem Nebel, als ob sie schweben. Insgesamt sind es vierundzwanzig Klöster und Einsiedeleien, von denen noch sechs bewohnt sind und besucht werden können (Agia Triada, Metamorphosis, Roussanou, Agios Stefanos, Varlaam und Nikolaos Anapavsas). Die restlichen sind zu schwer erreichbar oder sind inzwischen wegen Einsturzgefahr verlassen. Und Obacht: Alle Einrichtungen dürfen nur in angemessener Kleidung betreten werden, sprich lange Hosen für Männer und lange Röcke sowie Schultertuch für Frauen. Also gleich entsprechend kleiden oder diverse Ausstattungen zum Umziehen mitnehmen oder aber am Eingang bereits von mehreren Touristen getragene Sachen ausleihen. Natürlich sollte der Besucher nicht gerade unter Höhenangst leiden, wenn es neben den Sehenswürdigkeiten im Inneren auch mal über eine Freitreppe außerhalb der Gemäuer geht.

Mit dem großen Bus im Olymp-Nationalpark angekommen, wurden die Fahrgäste auf drei kleinere aufgeteilt, mit denen es vor dem eigentlichen Wanderausflug bereits weit ins Bergmassiv hinein, besser hinauf ging. Der Gegensatz zum vorher Erlebten konnte anschließend nicht extremer sein. Zwar erhebt sich der Olymp ebenso wie die Meteorafelsen steil aus einer flachen Ebene, ist allerdings kein einzelner Berg, sondern ein Gebirgsmassiv, das – wie die Griechen behaupten – direkt in den Himmel ragt. Und das gar nicht zu Unrecht, denn der Mytikas ist mit 2918 Metern der höchste Gipfel. Nicht zu vergessen der als „Thron des Zeus“ bezeichnete Stefani mit seinen 2909 Metern. Waren wir gedanklich noch bei den rund achtzig Kilometer entfernten Klöstern oder gar den Badelustigen am weniger als nur zwanzig Kilometer weiter weg gelegenen Ufer des Ägäischen Meeres selbst am Schwitzen, gelang hier mit zwar etwas verharschtem Schnee sogar eine Mini-Schneeballschlacht. Einige schon während des ganzen Tages auffällige Ausflügler wagten hingegen eine nicht gern gesehene und eigentlich auch nicht erlaubte Abkühlung in der sogenannten Badewanne des Zeus und stürzten sich in einen von einem Wasserfall gespeisten kleinen Gebirgssee. Um ein Haar wäre der Olymp-Ausflug hier geendet. Das Weitergehen wurde ermöglicht, indem die Rabauken – natürlich unter Protest – sofort per Bus wieder zurück an den Ausgangsort Dion gebracht wurden. Ansonsten lautete das Fazit aller: Natur pur! Möge es genau so noch lange erhalten bleiben.

Völlig k.o. entstiegen Hanna und ich dem Bus. Bei einem Absacker – einem Schoppen Wein sowie einem „bunten Grillteller“ – ließen wir den Tag Revue passieren, ehe wir todmüde ins Bett – jeder in seins – fielen.

Zum Trip Richtung Kloster-Halbinsel, der tausendjährigen Mönchsrepublik, ging’s wie tags zuvor ebenfalls früh los. Abfahrt mit einem Bus nach Ormos Panagias auf Sithonia war bereits 5:30 Uhr. Ormos Panagias war ein kleiner Ort auf dem „zweiten Finger“. Dessen Hafen wird vorwiegend für die Fischerei genutzt und vereinzelte Bootsexkursionen zu touristischen Zielen. Unsere – wie sich noch herausstellen sollte – wirklich „einmalige“ Bootsfahrt sollte zunächst gemütlich, aber zügig den Singitischen Golf Richtung süd-östliche Spitze, an den Fuß des 2033 Meter hohen heiligen Berg Athos queren. Für den Rückweg war dann der eigentliche Sinn der Schiffstour vorgesehen: Mit genau einzuhaltendem Mindestabstand von fünfhundert Metern – an Ausnahmestellen auch auf höchstens 200 Meter zugelassen – entlang der ganzen Halbinsel mit der Möglichkeit der einmaligen Sicht auf die Klöster, einem Pausenstopp in Ouranoupolis und anschließender Rückkehr nach Ormos Panagias. Insgesamt gibt es auf Athos zwanzig Klöster und zweiundzwanzig sogenannte Skiten, klosterähnliche Mönchsgemeinschaften beziehungsweise eine Art Mönchsdörfer. Von den Klöstern sind siebzehn unter griechischer und je eins unter serbischer, bulgarischer und russisch Leitung. Zehn befinden sich auf der Westseite und sind somit die Attraktion der Tour.

Die autonome, in gewissem Sinne staatlich eigenständige, Mönchsrepublik gehört völkerrechtlich zu Griechenland. Staatsrechtlich besitzt sie jedoch seit 1923 einen Autonomiestatus. Demzufolge dürfen die Mönche – die Macht liegt bei den zwanzig innerhalb der Mönchsrepublik autonom geleiteten Großklöstern – einige eigene Entscheidungen bezüglich der „Verwaltung des Berges“ treffen. Und: Der Berg Athos gehört, ebenso wie das dänische Grönland oder das deutsche Helgoland, nicht zum steuerlichen Gebiet der Europäischen Union.

Frauen haben prinzipiell keinen Zutritt. Selbst weiblichen Tieren ist es nicht gestattet, auf Athos zu leben. Außer Hühner, denn die Eidotter liefern den Mönchen die Grundlage für gelbe Farbe zum Malen, das neben dem Herstellen von Kerzen, der Holzschnitzerei, dem Weben und der Kalligraphie als Erwerbsgrundlage dient.

Für unbedingt pilgern wollende Frauen besteht die Möglichkeit, dies per Schiff zu tun. Wenn das betreffende „Frauen-Boot“ vor einem der küstennahen Klöster vor Anker gegangen ist, schippert ein Mönch samt einer Ikone eines Heiligen zu den wartenden Frauen. Er steigt in das Frauenboot, lobpreist den Heiligen und seine Kräfte, lässt die Pilgerinnen vor der Ikone beten und erhält dafür „dankenswerter Weise“ diverse Geldspenden, ehe er sich wieder auf den Rückweg macht.

Männer dürfen in das seit dem letzten Drittel des 9. Jahrhunderts als ein Ort der frommen Askese bekannt gewordene Gebiet des heiligen Berges (963 wurde das heute noch existierende Lavra-Kloster am Südostzipfel der Halbinsel gegründet und unter Nikephoros II. Phokas als byzantinischer Kaiser unter direkten kaiserlichen Schutz gestellt und mit entsprechender Immunität versehen) nur mit einer bestimmten Genehmigung, dem sogenannten Diamonitrion – einem in Thessaloniki zu stellenden schriftlichen und dann natürlich auch genehmigten Antrag für eine Einreise – eintreten. Früher mussten die „Herren der Schöpfung“ dazu noch einen langen Bart vorweisen.

Nur gut, dass diese Regeln nicht für die Passagiere unseres Schiffes galten.

Unser Schiff glich einer Art Schnellboot. Es hatte zwei Decks, die von insgesamt etwa fünfzig Passagieren in Beschlag genommen wurden. Hanna und ich waren anscheinend die einzigen, die den Kapitän und den Reiseleiter mit einem freundlichen „Hallo! Kaliméra!“ begrüßten. Alle anderen Gäste trotteten eher morgenmufflig aufs Boot. Der Mann, wie bei allen Wasserfahrzeugen üblich mit weißem Hemd und Schirmmütze als Chef an Bord leicht zu identifizieren, wurde bei der Begrüßung auf meine große Fototasche – ein Apparat mit einem Weitwinkel- und einem Tele-Objektiv hatten neben einer Flasche Wasser Platz gefunden – aufmerksam und verwies mich an den Reiseleiter. Der wusste sofort Bescheid und fragte in nahezu akzentfreiem Deutsch: „Sieht nach Presse aus?“ „Ja und nein“, antwortete ich. „Es soll möglicherweise ein Reise-Tipp werden aber auch viele Aufnahmen für einen Dia-Vortrag“, ergänzte ich und hängte die Frage hinten dran: „Und sie sind Deutscher oder…“ „Nein, nein. Aber mit fast nur deutschen Touris unterwegs, und das seit über zehn Jahren.“ „Alles klar!“, meinte Hanna kopfnickend. Irgendwie hatten wir die Sympathie des Guides erobert. „Ihr könnt euch nachher neben mich stellen, wenn ihr wollt“, lautete sein Angebot, dem wir gern zustimmten.

Wir legten pünktlich sieben Uhr ab. Über dem Wasser lag leichter Nebel. Es war diesig und begann fein zu nieseln. Von irgendwie-wo bereits aufgegangener Sonne nicht viel, eigentlich überhaupt nichts zu sehen. Solange es nur quer über den Golf gehen sollte, auch nicht so schlimm, dachten wir. Hauptsache, wenn später etwas mehr Licht zum Fotografieren da ist, dachte ich allerdings auch an Aufnahmen mit leichtem Nebelschleier als den besonderen Clou.

Hanna suchte nach dem Ablegen erst mal die Toiletten, die sich unter Deck befanden. Treffen wollten wir uns wieder auf dem Vorderdeck – oder eben beim Reiseleiter. Ich hatte mich inzwischen mit einigen Tricks und Vorwänden vom Oberdeck auf die Brücke geschlichen, in eine Ecke gestellt, gleich neben die steuerbordseitige Tür. Trotz des Abstandes zu den diversen Kommandoanlagen von drei vier Metern fühlte ich mich irgendwie als Kapitän in spe hinter den ganzen Kommunikationsgeräten und nautischen Instrumenten. Zumindest vernahm ich, dass unser Schiff sogar mit zwei Motoren und zwei Rudern ausgestattet war. Von diesem exponierten Standort aus freute ich mich schon auf richtig geile Schnappschüsse, ließ meine Kamera allerdings noch gut verstaut in der Fototasche und lauschte den Ausführungen des Reiseleiters. Der stand außen, quasi neben mir, auf dem Deck an genannter Brückentür. Auf Englisch, Französisch, Griechisch und Deutsch gab er deutlich über zig Lautsprecher vernehmbar einige Erläuterungen zur Reiseroute. Und er ermutigte die Gäste: „Sie werden sehen, wenn wir nachher die Küste von Athos entlang nach Ouranoupolis fahren, strahlt die Sonne.“ Während er diese Prognose gab, zog sich jedoch der Himmel rasch immer weiter zu. Der anfängliche Niesel wechselte schnell in immer stärker werdenden Regen. Die Scheibenwischer an den vorderen Fenstern der Brücke hatten straff zu tun. Sichtlich und erlebbar nahm die Höhe der Wellen rasant zu. Damit erhöhte sich auch die Amplitude des längsseitigen Wippens, des Auf und Ab unseres Bootes auf den Wellen. Auch ein zunehmendes Hin- und Herschaukeln links- wie rechtsseitig war zu vernehmen. In dieses Naturgemenge ging auf der Kommandobrücke ein Funkspruch ein. Des Griechischen nicht mächtig konnte ich allerdings aus dem Tonfall ableiten, dass es keine gute Nachricht war. Die Stimme am anderen Ende hatte etwas sehr Eindringliches. Plötzlich machte sich leichte Nervosität auf der Brücke breit. Der Kapitän und sein Co gerieten in einen kurzen wilden Disput. Wie schon gesagt: Des Griechischen nicht mächtig, verstand ich also Bahnhof. Eins zwei kurze aber eindringliche Sätze richteten sich an den in der Tür stehenden Reiseleiter. Dann nahmen die beiden „Lenker“ des Schiffes jeder an einem Steuerrad Platz. Der Kapitän rechts, sein Co links. Die eine Hand eines jeden fasste am Ruder-Rad, die andere am Gashebel „seines“ Motors.

Es begann der Ritt auf der Rasierklinge.

Mittlerweile hatte der Reiseleiter, der anfänglich sichtlich geschockt schien, die Fassung wiedererlangt und appellierte, ehe er selbst anschließend seinen „Oberdeckplatz“ verließ, über die bordinterne Lautsprecheranlage: „Alle Gäste bitte sofort unter Deck! Sofort! Wir geraten in etwas unruhige See! Nehmen sie an den Tischen Platz! Verhalten sie sich bitte ruhig!“ Hanna hatte es nicht mehr aufs Oberdeck geschafft und nahm wie geheißen an irgendeinem Tisch Platz. Ich sah mich irgendwie völlig außerhalb jeglichem sich gerade Abspielendem. Nahezu handlungsunfähig, wie zu einer Salzsäule erstarrt, verharrte ich in der hinteren rechten Ecke der Kommandobrücke. Ich spürte nur noch drei der eigentlich sieben Sinne arbeitend: unbedingt Gleichgewicht halten zu müssend, sehen und hören.

Schneller als gedacht und die Aufforderung des Reiseleiters in allen Sprachen verkündet war, prasselte der Regen derart an die Frontscheiben der Brücke, dass es die Scheibenwischer an den beiden äußeren der drei großen Frontscheiben kaum noch schafften, für einigermaßen klare Sicht zu sorgen. Lediglich das mittlere Fenster, an dem sich zwei gegeneinander arbeitende Scheibenwischer um einigermaßen Geradeaussicht bemühten, diente nun als Orientierung nach draußen. Das Schiff glich mittlerweile einer Nuss-Schale inmitten tosender Wellen, die höher und höher wurden. Es hatte den Anschein, dass sie aus allen Richtungen kamen. Der Horizont war schon lange zu keiner Richtung hin mehr sichtbar. Alle Türen auf der Brücke waren längst verschlossen. Das Wasser schoss über alle Decks, drang teils auch durch die Türen der Brücke. Fürs Sightseeing aufgestellte Stühle hatten sich längst vom Oberdeck verabschiedet. Sie flogen durch die Luft, landeten irgendwo in der schäumenden wilden See, krachten gegen die Scheiben, die glücklicherweise den Aufprallen standhielten. Die beiden Kapitäne ruderten, was das Zeug hielt. Sie drehten ihre Steuerräder gleichzeitig entweder synchron stark nach links oder rechts, dann jeder auch gelegentlich, sich gegenseitig Kommando gebend, seins in entgegengesetzter Richtung. Dabei immer die andere Hand am Gashebel seines Motors, ihn drosselnd oder mit vollem Schub arbeiten lassend. Die Wogen überspülten nunmehr das gesamte Schiff in der Höhe seiner Aufbauten. Von links, von rechts, von vorn… War das Boot in den vergangenen Minuten überhaupt mal auf einem Wellenberg? Es hatte den Eindruck, als ob sich unser Schiff nur in tiefen tiefen Tälern der tosenden See befand. Und die beiden Bootsmänner waren weiterhin am Kurbeln, schrien sich Kommandos zu. Sie gaben körperlich alles, vollen Schub oder nahmen Motorkraft zurück – jeder für eine, seine Maschine. Ihre eigentlich vorher im Basston vernommenen Stimmen hatten längst vor Anstrengung und Bangen den Charakter von Kastraten oder Sopranstimmen angenommen. Irgendwie herrschte im wahrsten Sinne des Wortes Untergangsstimmung.

Ich stand immer noch in meiner Ecke, hatte zu tun, mich auf den Beinen zu halten, suchte verzweifelt Halt. Andererseits hatte ich das Gefühl, mich auf keinen Fall auch nur einen Millimeter zu rühren. Das Sehen hatte längst die Oberhand über das Gleichgewichthalten und das Hören gewonnen. Unbeschreiblich, was sich meinen Augen im 180-Grad-Winkel vor mir bot. Ehrlich?! Mir ging der Arsch auf Grundeis. Mit keinem noch so entferntesten Gedanken kam es mir in den Sinn, meinen Fotoapparat zu zücken, derart unwiederbringliches Geschehen, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Brücke, aufs Zelluloid zu bannen.

Plötzlich meldete sich mein Gehör zurück. Trotz lauten Tosens der immer mehr wütenden See war ein gewaltiges Krachen und Bersten zu vernehmen. Der kleine Mast über der Brücke schleudert vor uns in die sich fortwährend wild auftürmenden und bestimmt sechs oder acht Meter hohen Wellen. Er wird von der wilden See wieder zurück aufs Schiff katapultiert. Treffer! Die linke Frontscheibe ziert dadurch ein sich über die gesamte Fläche verbreitender, einem Spinnennetz ähnelndem Sprung. Die Sicht des „Co-Piloten“ ist endgültig unmöglich. War die vorher eigentlich möglich oder agierten die beiden Männer doch eher intuitiv nach ihrem Bauchgefühl!? Egal, es schien bis hier hin, zu funktionieren.

Längst hallten verzweifelte Schreie aus dem unteren Deck bis auf die Brücke. Hanna erzählte später, dass sie zu tun hatte, sich am Tisch festhalten zu können. Einige Gäste, vor allem ältere Leute, denen die Kraft dazu fehlte, und Kinder, die von ihren Eltern nicht fest genug gehalten werden konnten, fielen in die Gänge, rutschten, sich zig Blessuren holend, wie Kugeln im Flipperautomaten hin und her. Am schlimmsten sei es gewesen, keinen Horizont mehr gesehen zu haben. Denn der Blick zum unbeweglich erscheinenden Horizont stabilisiert das Gleichgewichtsgefühl und wirkt anfänglich ersten Symptomen aufkommender Seekrankheit durchaus entgegen. An den Scheiben links und rechts des Unterdecks war allerdings nur noch Wasser, Wasser, Wasser. Hanna hatte wie die meisten ihrer Leidensgenossen das Gefühl, sich eigentlich schon unter Wasser zu befinden, sozusagen abzusaufen. Von leichtem Unwohlsein bei den Passagieren konnte längst nicht mehr die Rede sein. Viel mehr herrschten desorientierende Schwindelgefühle und andauernder Brechreiz vor. Und um mildernde „Histaminkiller“ gegen das die Übelkeit verursachende Hormon mit hohem Vitamin C-Gehalt wie Zitrusfrüchte zu verabreichen…

Und dann – wie aus dem Nichts. Als ob wer mit dem Finger geschnipst hatte – schlagartig glatte See. Als ob nichts gewesen wäre. Vielleicht hatte sich doch der Gott mit dem Dreizack, der Beherrscher der Meere, unser angenommen, hatte Poseidon von seinem prunkvollen tief in der Ägäis befindlichen Palast für wiedereinkehrende Ruhe gesorgt, uns die Seenot ohne größere Verluste überstanden lassen.

Es dauerte eine Ewigkeit, war aber vielleicht doch nur eine Minute, ehe sich der Kapitän und sein Co in die Arme fielen. Sie klopften sich auf die Schultern, sahen sich an, umarmten sich erneut. Ich begann, Beifall zu klatschen, ging auf die beiden zu und nahm sie ebenso in den Arm. Tränen flossen, voller Glück und Stolz. Ich sprudelte mehrfach ein „Efharistò! Efharistò!“ hervor. Den beiden war gar nicht bewusst gewesen, dass sie während dieser couragierten wie furchtlosen Aktion unter Beobachtung gestanden hatten. Sie brachen in kein Geschimpfe aus, behandelten mich, als ob es verabredet gewesen wäre, dass ich Zaunkönig dieser Seenot-Aktion hätte sein sollen.

Denn als Seenot ist diese gefühlte Ewigkeit und doch nur etwa zwölf-dreizehn Minuten andauernde und vor allem überstandene Szenerie durchaus einzustufen. Als Situation, in der unmittelbare und ohne fremde Hilfe unabwendbare Gefahr für die Gesundheit oder das Leben von Besatzung oder Passagieren eines Wasserfahrzeugs auf See droht. Erkennen und Einschätzen von entsprechend plötzlich eintretenden Gefahrenpotentialen bedarf großer Erfahrungen und Fähigkeiten der involvierten verantwortlichen Seeleute, insbesondere vom Empfinden des Schiffsführers.

In diesem Fall war es keine Havarie, keine Gefahr, die vom Schiff selbst ausging. Es war ein Seebeben in der Ägäis, im Auslauf des Singitischen Golfs etwa auf Höhe der Insel Limnos. Der eingegangene Funkspruch hatte dem Kapitän eigentlich geheißen, wieder in den Hafen nach Ormos Panagias zurückzukehren. Doch wie der Reiseleiter später dolmetschte: „Schon ein Wendevorgang hätte uns alle in Teufelsküche gebracht, ein Kentern sehr wahrscheinlich nach sich gezogen. Es gab nur eins: Möglichst frontal, immer mit gleichzeitigem Blick auf die Instrumente und den vor uns sich auftürmenden Wellenbergen den günstigsten Weg hindurch oder drüber weg zu finden“, meinte der Kapitän später.

Und dann geschah es, wie es der Reiseleiter prophezeit hatte: Bei wieder strahlendem Sonnenschein und klarem blauen Himmel war das Schiff am Südzipfel von Athos – der wiederum für gelegentliche gefährlichen Stürme bekannt sein soll – angekommen. Hier, am Kap Pines, wo die Landzunge steil ansteigt und im Berg Athos gipfelt, gab’s eine Pause, setzte der Kapitän den Anker. Er und seine Crew kontrollieren das Inventar, zuerst das lebendige und anschließend das materielle. Wobei bei letzterem arge Verluste und Schäden zu beklagen waren. Ein Rettungsboot hatte das Zeitliche gesegnet. Von den rund fünfzig nicht mehr vorhandenen Stühlen ganz zu schweigen. Auch die eine oder andere technische Einrichtung auf dem Dach der Brücke hatte einen Treffer abbekommen. Na ja, und der Mast hatte sich wie geschildert verabschiedet, sodass der Funkverkehr notdürftig wieder hergestellt werden musste.

Die Personenschäden hielten sich mit Prellungen und eins-zwei blutigen Nasen in Grenzen. Es überwiegten das Trauma des Geschehens und der bestialische Gestank von Erbrochenem und anderen Extremitäten, die im Mixer – so kann das Unterdeck während der Tollfahrt durchaus bezeichnet werden – entstanden waren. Denn der Spruch: „Ich hab´ mir vor Angst bald in die Hose gemacht“ hatte sich leider bei einigen bewahrheitet.

Nach dem Rundum-Check ging die Sightseeing-Tour, obwohl den meisten Leuten die Lust daran vergangen war, dann doch wie gebucht los: Vorbei an einer reinen Männergesellschaft, der fast tausendjährigen Mönchsrepublik. Der Reiseleiter gab sich alle Mühe bei den Erläuterungen zu den jeweiligen Klöstern. Denn eine ganze Reihe der Gäste war immer noch mit sich selbst beschäftigt, das Geschehene innerlich zu verdauen, hatten kleinen Blick für die teils wie Schwalbennester unterschiedlich bizarr an und in den Berg gezimmerten Bauwerke.

Hanna hatte sich relativ schnell von ihrem Schock erholt. Bei Wiedereintreten der glatten See war sie sofort an Deck geeilt. Vor allem, um dem säuerlichen Gestank zu entfliehen, frische Luft atmen zu können, Horizont zu sehen. Aber auch, nach ihrer Reisebegleitung Ausschau zu halten, die sie trotz allen Tumults unter Deck nicht gesehen hatte. Sie fiel mir um den Hals, um mich gleich wieder weg zu stoßen und mich anzuschreien: „Scheiße! Ich hab´ schon gedacht, du bist über Bord gegangen!“ Wir waren froh, uns wieder zu sehen, beide heil aus der Sache rausgekommen zu sein. „Wo warst du denn während dieser großen Scheiße?!“, klang es etwas vorwurfsvoll, nicht an ihrer Seite gewesen zu sein. „Ich war auf der Brücke, hab‘ das Tohuwabohu live, also fortwährend ins Unheil blickend, miterlebt.“ Hanna riss die Augen auf. Fassungslosigkeit war in ihrem Gesicht zu lesen. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, gleich eine kräftige Ohrfeige zu erhalten. Hanna stand leicht breitbeinig vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt und wiederholte: „Wo warst du?!“ „Auf der Brücke. Das ging alles so schnell, dass ich mich kaum traute, irgendwie-wohin zu bewegen. Dann hab´ ich nach wenigen Momenten gedacht, das war’s jetzt. Aber die beiden, der Käpt‘n und sein Co, haben schier Unmenschliches geleistet, wie sie uns a la Odysseus durch diese Unmenge von Monsterwellen gelotst haben. Wir sollten irgendwie danke sagen“, meinte ich. „Trotzdem Arschloch!“, kommentierte Hanna und ging sofort zum Reiseleiter, der bereits in seinem Element war, mit Routine-Sprüchen zu Bauwerken und Geschichte das soeben Erlebte auf seine Art verdrängte. Sie schilderte ihm das Anliegen, danke sagen zu wollen, ja zu müssen. Gesagt, getan. Der Reiseleiter fasste die Angelegenheit in passende Worte, natürlich sowohl in Englisch, Französisch, Griechisch und Deutsch. Abschließend hieß es: „Das ist mindestens einen dicken fetten Applaus wert!“ Der setzte bereits bei der englischen Übersetzung ein, wollte kein Ende nehmen und wurde von Pfiffen und Jubelrufen begleitet.

Dann galt alle Aufmerksamkeit doch noch den Klöstern. Viele von ihnen sind zum Teil wie Festungen ausgebaut, weil sich die Mönche durch die Jahrhunderte hindurch oftmals gegen verschiedenste Angriffe wehren mussten. Der Reiseleiter erzählte zwischen den Blicken auf die Klöster einiges über das Leben darin, die mönchsähnlichen Gemeinschaften und seltsame Begebenheiten. Die teils mit viel Humor vorgetragenen Ausführungen zu den unterschiedlichsten Bauweisen interessierten wie schon beschrieben nur noch, oder aus dem Blickwinkel des Reiseleiters gesehen, zumindest die Hälfte der Fahrgäste. Sie waren immer noch zu sehr geschockt vom Erlebten oder mit Säuberungsaktionen an ihrer besudelten Kleidung befasst.

Nach etwa einer Stunde langsamen Getuckers erreichte das Schiff den kleinen Hafen von Ouranoupolis, dessen Wahrzeichen der weithin sichtbare byzantinische Wachturm ist. Hier trennt nur fünfhundert Meter südlich ein Stacheldrahtzaun die Mönchsrepublik vom Rest der Welt, dem Ende der profanen Welt – allerdings ohne Minen und Selbstschussanlagen. Ganz bitterernst ist es den Kittelträgern aber doch nicht, frei nach ihrem Spruch: „Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch durch die Gottesmutter Maria anwesend.“ Ausgeschlossen von jeglichem Zutrittsverbot sind, neben den bereits erwähnten Hühnern, Katzen, die bekanntlich die besseren Mäusejäger sind.

Festen, vor allem nicht schwankenden, Boden unter den Füßen, waren sich Hanna und ich einig: „Jetzt brauch‘ ich ein Bier!“ Ich holte zwei Büchsen Becks und wir liefen gemeinsam in Richtung des 1344 erbauten Turm des Andronikos – oder doch Prosphorios-Turm? – dem früheren Wach- und Wehrturm der Mönchsrepublik. Wir gingen noch ein ganzes Stück weiter, bis fast kurz vor den Grenzzaun, der bis ins Wasser reicht. Egal. Hanna hatte zuvor in einer Toilette in einer Gaststätte im Hafen von Ouranoupolis gründlich „Fremdkörper“ aus ihrer Bluse und von den kurzen Jeans gewaschen. Es hatte den Anschein, als ob sie eine Ganzkörperdusche samt Klamotten unternommen hatte. „Das muss jetzt alles trocknen“, wandte sie sich zu mir und zog sich aus. „Was, alter Mann?! Noch keine nackte Frau gesehen?“ grinste sie und warf sich ins Wasser. So tat der Andronikos, oder auch Prosphorios, seine ursprüngliche Pflicht: Er bewachte. Er wachte nun über unser einsames FKK und Sonnenbad am dortigen Strand, am Rande des „Kloster-Imperiums“.

Als wir beide zurückkehren, zeigt sich unser Schiff „geschniegelt und gebügelt“, ist vor allem innen sauber, glänzt wie neu, duftet nahezu. Die Crew hatte die Schrubber flitzen lassen. Es roch im goldenen Spätherbst sogar irgendwie nach Frühling. Stühle konnte die Crew in der Kürze der Zeit nicht auftreiben. Die „bekleckerten“ Fahrgäste hatten es Hanna gleichgetan und in jeweils einer der Gaststätten oder dem öffentlichen Toilettenhäuschen Hand an ihre Kleidung gelegt, so dass die unappetitlichen Flecken und Gerüche weitgehend beseitigt waren. Beim Ablegen und während der Rückfahrt ist die See glatt wie ein Kinderpopo. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Der Großteil der Gäste steht, anscheinend den Schock der ersten Reisehälfte verdaut habend, an der Reling, streckt die Nase in den Fahrtwind. Hanna und ich sprechen noch kurz mit dem Reiseleiter, der wissen will, ob ich denn auch tolle Aufnahmen in der Kiste hätte. „Ja, von den Klöstern und von Ouranoupolis auf jeden Fall. Aber nicht von der Brücke und dem Kampf der beiden Kapitäne gegen die Wellen.“ „Warst du etwa auf der Brücke?“, will er wissen. Hanna dreht sich kopfschüttelnd ab, schlendert aufs Vorderdeck und ich schildere ihm meine Eindrücke. „Und? Einen ordentlichen Klecks in der Hose gehabt?“ grinst er mich an. „Nö, ich glaub´, das hab´ ich vor lauter Aufregung vergessen“, geb´ ich mit einem Lächeln zurück. „Das war schon krass!“, lautet sein abschließender Kommentar und zieht mit einem Lächeln sein ganz persönliches Fazit: „Na ja, das wird ja wohl nicht noch einmal so doll werden. Aber ich kann bei den kommenden Ausflügen auf der Hinfahrt, wo´s bisher kaum etwas zu erzählen gab, davon berichten.“

Zurück in Pefkochori genießen Hanna und ich den Abend. Ziel ist zunächst ein kleines Fischrestaurant unmittelbar am Strand. Lecker gegrillter Fisch, „staubiger“ Rotwein, weil´s keinen trockenen weißen gab, Sonnenuntergang, leise Musik… Hätte ich nicht gute zehn Jahre jünger sein können?! Auf dem Nachhauseweg sind wir uns einig, an der Hausbar noch einen Absacker zu nehmen. „Ein Bierchen und einen Whisky“, lautet ihr Vorschlag, dem ich zustimme. „Wow, ich hab´ gestern eine tolle Tagestour zu den Meteora-Klöstern und zum Olymp gemacht, dem Berg der Götter. Und was für ein aufregender, aber auch sensationeller Tag war das denn heute?! Das wird alles in allem zweifelsfrei für lange Zeit mein abenteuerlichster und gerade deswegen schönster Urlaubstag bleiben. Gut, dass du mich dazu mehr oder weniger animiert hast. Und, ich werd´ bei den Erinnerungen daran dabei immer auch an dich denken müssen, du kleines Arschloch!“, lacht Hanna doch irgendwie liebevoll, prostet mir mit ihrem Whiskyglas zu und scheint, nach den zwei Schoppen Wein im Strandrestaurant und mittlerweile dem zweiten Bier und Whisky, einen leichten Schwips zu haben. „Wir sollten vielleicht ´ne Telefonnummer austauschen“, werfe ich ein. „Ja, warum nicht“, sagt sie. „Morgen, gleich in aller früh. Jetzt muss ich aber dringend eine Mütze Schlaf nehmen.“ Sie haucht zum Schluss ein Tschüss. Ich bekomme sogar einen Gute-Nacht-Kuss.

Früh gegen fünf Uhr werde ich geweckt. Ein Reisebus brummt in unmittelbarer Hotelnähe. Danach schlaf´ ich wieder ein. Gegen acht stehe ich auf, reserviere einen Tisch auf der Veranda des „Diana“ und decke ihn für zwei, gehe schon mal zum Bäcker die Straße runter frische Croissants, wie sie Hanna sich die vergangenen Tage immer gekauft hatte, holen und warte, und warte… Die Wirtin kommt, die große Kaffeekanne schon in der Hand, und fragt: „Kaffee, wie immer!“ Dabei schaut sie auf den gedeckten Tisch, schaut dann mich an, nochmal auf den Tisch, erneut mich und sagt mit trauriger Mine: „Hanna ist heute früh abgereist.“

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