Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Fast in den Trichter gekommen

Auf so manchen Auto-, Vespa- und Fahrrad-Touren – alle weit abseits vom Ballermann und jeglichem Partytourismus unternommen – reifte die Erkenntnis: Malle gehört aufgrund zahlreicher schöner Ecken fortan zu meinen Lieblingsurlaubszielen. Insbesondere Cala Ratjada, obwohl es dort auch eine ausreichende Anzahl an Bars, Clubs und Restaurants gibt, deren Niveau sich allerdings deutlich positiv von dem derer sich an der Playa de Palma und in S’Arenal befindlichen Etablissements abhebt.

Denn neben dem zweitgrößten Hafen Mallorcas und seiner in den Nebenstraßen und Gassen bis heute noch aus seiner Entstehungszeit vorhandenen authentischen Romantik hat Cala Ratjada noch so einiges Anderes zu bieten. Da wären die beiden Strandpromenaden, entweder belebt vom Hafen zum Son Moll oder ruhiger den Meeresblick genießend vom Cala Lliteras bis zum traumhaften Sandstrand Cala Agulla, die Villa March, auch als Palast Sa Torre Cega bezeichnet, oder die nahegelegene, zu Fuß knapp zwei Kilometer entfernt gelegene und besterhaltene Burganlage der Insel, das Castell de Capdepera. Es liegt auf einem Hügel oberhalb des kleinen Ortes Capdepera, der nach dem Burgbesuch und etwas mehr als einhundertfünfzig absolvierten Treppenstufen mit urigen kleinen Restaurantes auf dem Marktplatz zum Verweilen einlädt. Der Far de Capdepera, der Leuchtturm am östlichsten Zipfel der Insel, gehört hingegen zu Cala Ratjada, ist immer noch aktiv und ermöglicht von einer 55 Meter hohe Felsklippe einen tollen Blick auf die sich links wie rechts erstreckenden Küstenlandschaften.

Doch noch ein Wort zur Villa March.

Die Besichtigung und die geführten Rundgänge im Areal sind ein Highlight für viele Mallorca-Reisende, natürlich erst recht Besuchern von Cala Ratjada. Das Anwesen umfasst eine Fläche von etwa 60.000 Quadratmetern. Die imposante dreistöckige Villa, die einstige Sommerresidenz des Bankiers Juan March, ist von einem weitläufigen Park, dem Jardines de sa Torre Cega, umgeben. Dort gibt es eine große Vielfalt an Pflanzen, Bäumen und Sträuchern zu bestaunen. Der Park wurde durch den weltbekannten britischen Landschaftsarchitekten Russell Page geplant und angelegt. Er beherbergt zudem 43 Skulpturen bekannter Künstler aus dem 20. Jahrhundert, darunter von Manuel Alberdi, Eduardo Chillida, Henry Moore, Francisco Otero Besteiro, Auguste Rodin und José María Sirvent. Durch diesen akribisch gepflegten Park mit seinen allgegenwärtigen ausgedehnten Grünflächen – das typische Mallorcagras (Bermudagras) wuchert horizontal, bildet dabei einen dichten Teppich, benötigt relativ wenig Wasser, wird trotzdem regelmäßig besprenkelt und ist stark unkrautresistent – tobte 2001 ein Tornado und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Dabei wurde die Skulpturensammlung durch umstürzende Bäume stark beschädigt. Erst 2010 konnte der Park nach umfangreichen Arbeiten wieder eröffnet werden.

Ergo – auch auf Mallorca ist mit Tornados zu rechnen.

Im Oktober 2014, meinem seit 1990 mittlerweile fünfzehnten Aufenthalt im 17. Bundesland in Mittelmeerlage und mit rund dreihundert Sonnentagen, hatte ich eine Unterkunft im Guya Wave auf der Carrer de l’Agulla gefunden. Bis zum bereits beschriebenen Cala Agulla waren es knapp sechs- bis siebenhundert Meter zu laufen, entlang unzähliger Geschäfte, Boutiquen und Restaurants. An diesem späten Morgen lag der Strand unter völlig klarem Himmel in tollem Sonnenschein. Nichts zu sehen oder zu ahnen von irgendwelchen Wolken. Nur gelegentlich zogen ein paar Cirrocumulus, also diese kleinen Schäfchenwolken – ablandig Richtung Meer. Ich genoss Clärchens wärmende Strahlen, fühlte das gelegentlich vorbeihuschende Lüftchen als angenehme Erfrischung, lauschte wie immer den zu lauten und mir oftmals sinnlos empfundenen Gesprächen in der Nachbarschaft und war von meiner kleinen Anhöhe schon dreimal die gut sechzig Meter ans beziehungsweise ins Meer geschlendert, um mich im Wasser treiben zu lassen oder zu schwimmen. Die neben mir laut Diskutierenden waren inzwischen verschwunden, Pizza essen, wie ich unschwer mithören durfte. Herrlich. Von den an diesem Tag relativ wenigen Strandgängern hatten sich alle zur Siesta langgelegt. Mit etwas Mühe war fast das Landen der Wellen am Strand zu hören. So still vernahm ich es eine ganze Weile. Doch mit einem Mal – es war kurz nach dem Mittag – war Schluss mit klarem Himmel. Ich hatte mir als Schutz vor einem denkbar zu holenden Sonnenstich meinen weißen Schlapphut leicht über die Augen ins Gesicht gezogen, war am Vor-mich-hin-Dösen, lauschte der extra wie für mich gemachten dezent leisen Musik meiner neuen sich etwa sechs Meter entfernt  niedergelassenen Nachbarn – Oldies aus den 60er, 70er und 80ern – als sich mitbekam, wie sich Unruhe in die eben noch vorhandene Strandidylle mischte. Nach einigen Momenten schob ich meine Kopfbedeckung zurecht, stützte mich auf die Ellenbogen und ließ meinen Blick über den weiten Strand und gen Himmel schweifen.

Was sich mir bot, war schon komisch.

Binnen weniger Augenblicke wechselte das eben noch helle strahlende Azurblau in Glockenblumenblau, über Heidelbeerblau zu Berliner Blau hin zu tiefstem Marineblau. Kurz: Es wurde verdammt schnell dunkel am Firmament. Sozusagen von jetzt auf gleich zogen dicke dunkle Wolken auf. Fluchtartig verließen die Leute, die sich vorher noch in der Sonne geräkelt hatten, den Strand. Dabei schien es ihnen egal zu sein, sogar Teile ihrer Strandausrüstung verlustig zu gehen. Auch meine neben erst eingetroffenen Nachbarn suchten mit dem Kommentar: „Da hätten wir auch erst gar nicht hergehen brauchen!“ das Weite. Inzwischen hatte auch der Wind zugenommen. Kaum spürbarer Niesel gesellte sich hinzu und fegte über den Strand, trieb einige Sandkörnchen vor sich her. Was für eine Eile, dachte ich noch höhnisch vor mich hin. Meinem für diesen Mallorca-Aufenthalt ausgegebenem Motto wollte ich trotz alledem weiterhin treu bleiben: Nur keine Hektik. Ich hab´ schließlich Urlaub. Trotzdem hatte ich angesichts der sich entwickelnden Wetterlage auch den Entschluss gefasst, es den anderen Strandgästen gleich zu tun, den Heimweg anzutreten, aber geordnet. Ich nahm mir also Zeit, mit Ruhe meine sieben Sachen zu packen. Immer noch mit dem Gedanken spielend, nur mal kurz unter den nahestehenden Bäumen im rückwärtig gelegenen Pinienwald Schutz zu suchen, falls der Regen doch stärker werden sollte, um dann wieder an meinen alten Platz am Strand zurückzukehren. Dabei fiel mir die Rosmarie von Hans Albers ein, die keine Angst haben sollte, wehe der Wind auch mit Stärke zehn und das Meer auch tobe. Denn mit Blick über die gesamte Cala Agulla redete ich mir derweil ein: Das kann doch einen Seemann – respektive Sonnenbadenden – nicht erschüttern. Denn insgeheim dachte ich immer noch: Ausharren! Es wird gleich wieder sonnig!

Nichts da.

Aus dem leichten Niesel war inzwischen zunehmender, prasselnder Regen geworden. Das Lüftchen wehte weggeworfene beziehungsweise liegengelassene Sachen durch die Luft. Pizza-Verpackungen, T-Shirts, ein Bikini-Oberteil, Zeitungen… Ich muss einen lyrischen Tag gehabt haben. Denn nun fuhr mir die Geschichte vom fliegenden Robert durch den Kopf, vom niederbrausenden Regen, von dem das Feld – in dem Falle den Sandstrand – durchzausenden Sturm und dass brave Mädchen oder Buben längst hübsch daheim säßen in ihren Stuben. Aber Robert, also ich, hatte bis eben noch gedacht, dass es draußen eigentlich ganz herrlich sei.

Just in dem Augenblick bogen um die Landzunge des Punta des Gullo, auf dem die Ruine des alten Leuchtfeuerturmes aufgrund derart niedrig hängender Wolken und des dort absolut dichten Regens kaum noch zu sehen war, gleich zwei Wasserhosen ums Kap. In tiefstem Blau daherkommende Luftwirbel mit typisch annähernd senkrechter Drehachse. Ihre Trichter erstreckten sich durchgehend vom Boden, in dem Falle der Wasseroberfläche, bis zur Wolkendecke. Es schien denkbar, dass beides jeden Augenblick miteinander verschmelzen würde.  Allerhöchste Zeit, doch die Beine in die Hand zu nehmen, regelrecht flinke Füße zu machen. Irgendwie beschlich mich die Ahnung, dass die beiden Hosen jeden Moment in Richtung Land drehen. Meine Sachen untern Arm geklemmt, nahm ich Flucht Richtung Pinienwald.

Der Regen hatte sich inzwischen zu einem kräftigen Guss entwickelt. Die dicht stehenden Bäume gaben mir etwas Schutz vor dem Nass. Da ich sowieso durch bis auf die Haut gewesen wäre, hatte ich das T-Shirt und die kurze Hose gleich in der Tasche verstaut. So lief ich barfüßig, die Bade-Sandalen in der Hand tragend, in Badehose entlang eines ausgetretenen Pfades durch das Waldstück schnell Richtung angrenzender Straße. Irgendwie unterstellen, dachte ich, Schutz suchen, ehe – um meinem lyrischen Touch nochmal Futter zu geben – der Tornado Prometheus seinem Jüngling gleich hier die Bäume wie Disteln köpft oder entwurzelnd durch die Lüfte wirbeln lässt. Und, um der Wahrheit Genüge zu tun: Ich wollte unbedingt einen Ort haben, von dem ich aus das Schauspiel beobachten könne. Ich fand Platz hinter einer gemauerten Einfahrt von wo aus ich einen exzellenten Blick sowohl auf die Bucht und die letzten Häuser am Ende der Avinguda Cala Agulla hatte. Mit etwas mulmigem Gefühl im Bauch war die Neugier nicht nur vorhanden, sondern extrem gestiegen, dass sich anbahnende Naturschauspiel unbedingt verfolgen zu wollen.

Mittlerweile waren drei Tornado-Trichter zu sehen. Einer, der größte am Boden mit etwa vier Meter Durchmesser, hatte bereits das Ufer erreicht, breitete sich mehr und mehr aufs Festland aus. Die anderen beiden kleineren tobten währenddessen noch draußen auf dem Wasser, unmittelbar vor dem Ufer. In ihren wie Magnete wirkenden Wasserwirbeln und sich auf der Oberfläche bildenden kreisförmigen schätzungsweise bis zu zwei Meter hohen Wellen waren Sonnenschirme, Stühle und Liegen zu sehen. Zwei kleinere, von ihren Befestigungen längst losgerissene Boote waren hilflos den Sogen der auf dem Wasser agierenden Tornados ausgeliefert, drohten jeden Augenblick abzuheben.

Alle Leute in der Umgegend hatten inzwischen versucht, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen. Insbesondere die Gäste auf der mit Markisen überdachten Terrasse des „Pasta Pasta“, dem Restaurant und letzten Haus rechtsseitig der Avinguda. Es gab allerdings auch unbelehrbare Schaulustige, die, ihr Handy gezückt, noch mitten auf der Straße standen und versuchten, sich gegen den Orkan zu stemmen. Verschanzt hinter der kleinen Mauer der Tiefgarageneinfahrt des Hotels und Spa S´Entrador Playa fühlte ich mich einigermaßen sicher. Kaum Deckung gefunden, kamen auch schon die ersten Plastikstühle genannter Gaststätte über mich hinweg geflogen. Es folgten Markisenteile und Stoffbahnen sowie diverse Kleinteile wie Gläser, Vasen und Tischdecken. Dazwischen Postkarten, Souvenirs, Strandutensilien und Bekleidungsteile aus benachbarten Geschäften. In der etwa sieben Meter breiten Einfahrt hinter mir hörte ich das eine oder andere Teil geräuschvoll landen oder zerbersten. Absolut angespannt und neugierig, mich trotz der beschriebenen Einschläge in meiner unmittelbaren Gegend halbwegs in Sicherheit wiegend, schaute ich dem Treiben zu. Der angelandete Tornado tanzte auf der Straße, etwa zwanzig dreißig Meter vor meiner Nase. Würd´ ich gleich auch ohne Schirm zum Robert? Die große Windhose des Tornados hatte nunmehr ihren Platz gefunden, schien es im Bereich der kleinen Kreuzung zu gefallen, die sie inzwischen unter ihrer Gewalt hatte.

Derweil goss es immer noch in Strömen. Auf den Straßen und Gehwegen stand das Wasser teils zehn Zentimeter hoch, war längst über vorhandene oder nicht vorhandene Schwellen in die Geschäfte eingedrungen. Vergeblich war versucht worden, gegen den Sturm ankämpfend die Türen zu schließen. Vier der schaulustigen Knipser hatte der Tornado von der Straße gefegt. Ein jugendlicher unter ihnen musste später medizinisch versorgt werden. Er war rücklings gegen einen Blumenkübel aus Beton geschleudert worden. Die anderen fanden sich auf ihrem Hosenboden wieder, wurden über Bürgersteig und Asphalt gerollt, ehe sie Rettung in irgendeinem Eingang fanden, besser gesagt ohne eigenes Zutun dort landeten.

Dann ging dem Wirbelwind wohl doch die Puste aus. Und – um in die poetische Note des Tages Goethes Zauberlehrling mit ins Spiel zu bringen – sah ich über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen, zog sich der Meister des Windes – gerufen, von wem auch immer – samt seiner Hexerei schlagartig zurück. Nach gefühlter Ewigkeit aber reell etwa zehn zwölf Minuten war der Spuk endlich vorbei. Die Naturgewalt hatte glücklicherweise – im Vergleich zu der Verwüstung 2001 im Areal der Villa March betrachtet – sicherlich nur einen Teil ihrer möglichen Wirkung hinterlassen. Der „gestrandete“ Tornado hatte sich wieder zu seinen beiden Kameraden aufs Wasser gesellt. Dort zerfielen alle drei binnen Sekunden. Und genauso schnell wurde der Himmel wieder wolkenklar. Als ob jemand das Licht wieder angeknipst hätte.

Nach und nach, nur mit Bedacht dem Umfeld wieder vertrauend, kamen die Menschen aus ihren Verstecken hervor. Der überwiegende Teil machte sich auch gleich daran, zu helfen, unmittelbar sichtbare Schäden zu beseitigen, das „vom Winde Verwehte“ zusammenzusammeln und den Geschäften und Einrichtungen zuzuordnen. Das Meiste war jedoch unbrauchbar geworden oder kaputt. Dem „Pasta Pasta“ fehlten einige, der Großteil von vorher gut fünfzig Stühle. Dessen Markisenbespannung hatte sich komplett verabschiedet. Verkaufsstände und unterschiedlichste Waren der Läden mussten entlang der Hauptstraße aufgesammelt werden. Zu schnell waren die Ladenbesitzer vom Unwetter überrascht worden, um ihre Sachen in Sicherheit bringen zu können. Das Beste daran: Letztendlich gab es keine größeren Verletzungen zu beklagen. Lediglich das jugendliche Tornado-Opfer, für den mittlerweile ein Notarzt-Wagen mit tatütata herbeigerufen und eingetroffen war, vermisste sein Smartphone. Wohl das geringste Übel. Die Hauptstraße glich noch Minuten danach einem knöcheltiefen Bächlein, das aber nach und nach ablief und eine saubere Avinguda Cala Agulla hinterließ. Auch die örtliche Feuerwehr war inzwischen vor Ort, um den Wassermassen und anderen diversen Schäden Herr zu werden.
Immer noch in meiner Deckung verharrend, kleidete ich mich straßentauglich an. Als auch meine Tasche gepackt war, gesellte ich mich unter die hilfegebenden Leute, suchte Kleidungsstücke zusammen. Sie dem richtigen Laden zuzuordnen, war natürlich nicht möglich. Das haben die Betreiber wohl anschließend untereinander übernommen. Danach ging ich in mein Hotel. Mir entgegen kamen Leute, die sich schaulustig das hinterbliebene Chaos anschauen wollten. Abends in den Restaurants und Bars gab´s natürlich nur ein Thema. Und wie es bei solchen Ereignissen ist: Diejenigen, die zwar nicht vor Ort waren, hatten das Meiste zu erzählen.

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Kapitel

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