Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Karaoke und Lady Di

Neben den Tausenden Inseln im Ägäischen und Ionischen Meer, den Dodekanes, den Kykladen, den Sporaden, Ionischen Inseln und Kreta, ist auch das Festland von Griechenland ein ausgesprochen beliebtes Touristenziel, ist Griechenland aufgrund seiner Rolle in der Antike als Wiege der westlichen Zivilisation bekannt. Während die zahlreichen Inseln mit herrlichen Stränden und viel Sonne Reisende anziehen, trumpft das Festland vor allem mit Athen und der Akropolis, dem Olymp oder den Meteora-Klöstern, zeigt seine Reize in Geschichte und Natur. Ebenso das im deutschen Sprachgebrauch als Drei-Finger-Halbinsel bekannte Chalkidiki mit Kassandra, Sithonia und Athos. Die Bezeichnung „Finger“ ist jedoch im griechischen Sprachgebrauch weniger verbreitet: Die drei Halbinseln werden daher eher als „Füße“ angesehen. In der antiken griechischen Mythologie wird die Chalkidiki auch als das Dreizack Poseidons bezeichnet.

Nach mehreren vorherigen phantastischen Insel-Aufenthalten im Land der Helenen wählte ich diesmal erneut ein Last-Minute-Angebot. Einzige Prämisse – es sollte nach Griechenland gehen. Hauptsache raus, weg, in die Wärme, keinen hören und sehen, Ruhe, spazieren gehen, Wandern, die eine oder andere Fahrrad-Tour… Mit diesen Vorgaben setzte ich alle Hoffnungen auf mein Reisebüro des Vertrauens, mir etwas Passendes zu suchen. Nur zwei Tage später wurde ich ins Büro bestellt: „Wir haben da was für dich!“ Das Ziel, was all dem und meinem Portemonnaie entsprach, hieß Pefkochori, am Westufer von Kassandra. Das Angebot beinhaltete eine etwas ungewöhnliche Rabattierung. Nicht wie zum Beispiel bekannt, drei Wochen Urlaub und nur zwei bezahlen. Diesmal bezog sich der Bonus auf einen Tages-Nachlass: Achtzehn Tage bleiben und nur vierzehn bezahlen. Egal und gebongt.

Mein Quartier war eine B&B-Unterkunft – also bed and breakfast – firmierte mit „landestypischen“ viereinhalb Sternen unter „Hotel Diana“, befand sich in einer zur Hauptstraße parallel verlaufenden Nebenstraße, war gute zweihundertfünfzig Meter vom Strand entfernt, hatte eine während meines Aufenthaltes nicht mehr geöffnete, allerdings von mir spät abends heimlich genutzte Dachterrasse – alles ganz solide.

Vor Ort entpuppte sich Pefkochori als ein charmanter Kleinort – die Griechen selber bezeichnen es gern als „das große Dorf von Kassandra“, Insider sprechen hingegen vom Mini-Rimini – mit typisch weiß getünchten Häusern inmitten von Zitronen- und Olivenhainen und einem breiten feinsandigen Strand soweit das Auge, egal ob Richtung Norden oder Süden, blicken konnte. Er lud vor allem nach dem Abendessen in entweder mediterranen Gourmetrestaurants oder von mir bevorzugten absolut zwanglosen urigen Tavernen zu Spaziergängen im (in den) Sonnenuntergang ein. Auch hatte der Ort kleine schicke Läden und eine ganz kleine, in einer unscheinbaren Seitengasse versteckte, Jeans-Boutique. Dort entdeckte ich für jeweils 50 DM ausgepreiste Levis 501. Also die zum Knöpfen. Ich nahm gleich zwei, eine blaue und eine schwarze. Darauf gab’s, weil gleich zwei gekauft, am Ende sogar noch zwanzig Mark Rabatt. Mein Gesichtsausdruck veranlasste die Inhaberin zu dem Kommentar: „Letzte zucken, alles raus, finito! Schluss, aus! Nächstes Jahr Taverne auf Rhodos!“ und lächelte, nachdem sie die „Deutschmark“ nicht in die Kasse sondern in ihre Jeans gesteckt hatte. Vor Freude darüber erinnerte ich mich an die Zeit von vor gut zehn Jahren. Da gab’s die beliebte 501 für normalsterbliche DDRler nur im (wirklich guten) Tausch von 4:1 Aluships in Westmark im Intershop, wo 70 DM – später FORUM-Schecks – hingeblättert werden mussten.

Gleich am ersten Abend musste ich allerdings registrieren: In Pefkochori geht nach Einbruch der Dunkelheit mächtig die Post ab. Von überall her dröhnte Musik. Überall da, wo es etwas zu essen oder zu trinken gab, dudelten Sommerhits oder Musik der 60er und 70er. Mit der angenommenen Ruhe war wohl nichts. Die suchte und fand ich hingegen tagsüber etwa zweihundert Meter nördlich des Ortes an einem fast mit weißem Sand versehenen Stück Strand im, wenn mir so war, Schatten von einigen Palmen, Pinien und Kiefern. Weit und breit menschenleer – weil es Anfang Oktober und außerhalb der Ferien war – konnte ich mich auch im Adamskostüm rekeln. Von der Einsamkeit des Tages gab’s während des gesamten Urlaubs dann abends eine Auffrischung meiner Englisch-Kenntnisse. Denn meine Frühstückspension war (mit Ausnahme einer ebenfalls allein reisenden deutschen hübschen dunkelblonden, aber deutlich jüngeren Lady) in fester britischer, norwegischer und französischer Hand. Gott sei Dank nicht die Sorte von Trunkenbolden, wie sie sich am Ballermann tummeln. Es war ein Mix aus Studenten und älteren gemütlichen Herrschaften, die vor allem absoluten Spaß am Karaoke-Singen hatten, dem sie fast jeden Abend frönten. Karaoke – eigentlich überhaupt nicht mein Ding. So setzte ich mich etwas abseits und genoss die auftretenden Talente. Manche sogar mehrmals zu unterschiedlichen Titeln. Und sie legten sich mächtig ins Zeug. Denn am Ende der etwa einstündigen selfmade-Show wurde abgestimmt, wer die oder der Beste war. Dem winkte vom Hausherrn ein Gedeck: Ein großes Bier und ein großer Schnaps.

Teils wippte ich den Takt etwas mit oder summte vor mich hin. Erst recht, als ein norwegischer Herr den Titel „shadows on the wall“ auswählte. Wohl im Glauben, Mike Oldfield interpretieren zu wollen. Es war aber „Schatten an der Wand“, die Version vom 1988 veröffentlichten Album von Jule Neigel. Das nun abgelesene Deutsch ähnelte einem absoluten Kauderwelsch, was mir ein Lächeln entlockte. Den Refrain sang ich schließlich mit. Was folgte, war eine Einladung, auch mal einen Song zu versuchen. Mehr oder weniger überredet und als einziger deutscher Teilnehmer versuchte ich es mit Sinatras „New York, New York“. Auch, weil ich da mit meinem Bass eventuell punkten könnte. Es gab tosenden Beifall. Zur Auswertung des Playback-Spektakels wurde ich sogar auf Platz drei gewählt. Ich musste nochmal die US-Metropole besingen und erhielt dafür ebenfalls ein Bier und einen großen Remy Martin.

Damit war ich in die Runde aufgenommen.

Am nächsten Abend ging es ziemlich heiß her. Nicht, dass besonders heiße Rhythmen zur Karaoke-Auswahl gestanden hätten. Der Bildschirm gab keine Instrumental-Playbacks wieder. Im Fernsehen lief im Hintergrund irgendein Nachrichtensender. Die Diskussion – wie und warum sie zustande gekommen war, kann ich gar nicht mehr sagen, möglicherweise mit einer Nachricht über Great Britain – drehte sich plötzlich um den erst vor wenigen Wochen geschehenen Autounfall von Lady Di. Sozusagen war Diana plötzlich Thema Nummer eins im Diana. Irgendwie passte das. Einig waren sich alle, dass Prinzessin Diana eine absolut hübsche, integre und vor allem politisch-gesellschaftlich bemerkenswerte Person gewesen war. Die Meisten waren auch der Meinung: Wenn der tragische Unfalltod im Pariser Autotunnel unter dem Place de l’Alma nicht passiert wäre, Diana hätte die Landes-, vielleicht auch Europa- und Weltpolitik noch wesentlich mehr beeinflussen können, als sie es mit ihren Arrangements bisher getan hatte. Dazu mischte sich auch Hanna, die hübsche Dunkelblonde aus Deutschland, genauer aus Osnabrück, in die Gesprächsrunde ein. Sie sprach perfekt Englisch und dolmetschte dann auch einiges von meinem Standpunkt zu diesem Thema. Ich vertrat die Meinung, dass es kein Unfall, sondern ein geschickt inszeniertes Attentat war. Das war gewollt, weil Diana das konservative Britannien umgekrempelt hätte: Bei den Royals darf nichts sein, was nicht sein soll… oder so ähnlich. Hinzu kam ja, dass der Chauffeur unter Alkoholeinfluss stand, irgendjemand die Fahrtroute ausposaunt haben musste… Jedenfalls führte ein Mix aus unverständlichen Momenten zu diesem weltweit nachempfundenen tragischen Ableben von Lady Di. Erst gab es Kopfschütteln dazu. Letztendlich allerdings allgemeine Zustimmung. In die Debatte flossen ebenso Mutmaßungen zur Mitwirkung des britischen Geheimdienstes MI5 ein, dass Diana lediglich eine sommerliche Romanze mit Dodi Al-Fayed genoss und ihn nie geheiratet hätte, es sich viel zu lange um die bereits toten Al-Fayed und den Fahrer gekümmert wurde, ehe Diana ins Krankenhaus gebracht wurde, wo sie wenige Stunden später verstarb… Auch, dass wohl jeder, egal welcher Nationalität, Diana liebend gern in seiner Regierung, in irgendeiner führenden Position gehabt hätte.

In der Zwischenzeit hatte der Kneiper aus seinem beträchtlichen Fundus von Karaoke- und anderen CDs auch ein ganz besonderes Video rausgesucht. Er rief alle Gäste auf, doch mal kurz ruhig zu sein. Er richtete die Aufmerksamkeit auf einen aus fast allen Winkeln des Lokals einsehbaren hängenden Bildschirm und startete das Filmchen. Damit drückte er nicht nur den Startknopf des Rekorders. Viel mehr den Startknopf in jedem Gemüt, den Emotionen freien Lauf zu lassen. Eigentlich fremde Menschen lagen sich in den Armen und schluchzten, suchten Halt an einer anderen Schulter, ließen es geschehen, dass Bäche von Tränen schlossen. Als Elton John „Candle In The Wind“ verklungen war, herrschte noch minutenlange Stille.

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