Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Salti mortale

Das bereits erwähnte Cala Ratjada hat sich längst vom einst beschaulichen kleinen Fischerdorf zu einer Urlaubermetropole entwickelt. Zumindest hat es über all die Jahre seinen gewissen Charme erhalten können. Nur vereinzelt schießen hochgeschossige Touristenburgen in den Himmel. Die vielen Gassen, insbesondere in der Nähe des Hafens, verbreiten immer noch das mallorcinische Flair.

Der gut sechseinhalbtausend Seelen zählende Ort im Nordosten von Mallorca überzeugt badetechnisch mit vier Stränden. Der Son Moll gleicht mit seinen knapp zweihundert Metern Länge in der Saison einer Sardinenbüchse. Ganz anders der nicht so stark frequentierte Cala Gat. Die etwa zehn Minuten vom Hafen entfernt gelegene kleine Bai mit glasklarem Wasser zeigt sich als verträumte Sandbucht, eingebettet zwischen zwei bewaldeten Felsküsten in besonders idyllischer Lage. Die Badegäste finden dabei Platz in den Felslücken rechtsseits der „Katzenbucht“. Richtung Norden am Ortsrand befindet sich der Vorzeigestrand – der Cala Agulla. Inmitten eines Naturschutzgebietes mit dahinterliegendem Kiefern- und Pinienwald ist er mit fast sechshundert Metern Länge und durchschnittlich sechzig Metern Breite einer der schönsten der Insel. Wer den interessanten wie etwas strapaziösen Aufstieg zur Wachturmruine auf dem Puntas des Gullo links liegen lässt, findet als FKK-Freund Platz in der kleinen und ruhigeren Felsenbucht Cala Moltó. Das Meer ist hier normalerweise sehr sauber und ruhig. Zudem ist sie ein beliebter Ankerplatz von kleineren Yachten und Booten.

Zurück zum Son Moll. Hier wechseln Sandbänke mehrmals täglich nicht nur ihre Position. Sie kommen und gehen, auch in ihrer Höhe. Dadurch kann plötzlich, binnen weniger Minuten, mehr oder weniger starke Brandung entstehen. Aber eben auch nicht jeden Tag. Je nachdem, wie sich das Gewoge vor der Küste entwickelt. Aus dem Nichts befinden sich dann die Badenden in hohem Wellengang. So es der Urlauber weiß, im Vorab irgendwo gelesen hat. Allerdings war damals das Beschaffen von solchen Infos zum Beispiel übers Internet noch in weiter Ferne. Also war ich völlig unbedarft.

Schon aus der Heimat durch einige Badbesuche gut vorgebräunt, hieß es die ersten Tage Relaxen und „Pigmentieren“, sozusagen „ausgiebig Farbe tanken“. Da das Hotel Clombo, in dem ich für die folgenden drei Wochen eingecheckt hatte, sozusagen direkt am Son Moll steht, lag es nahe, den gleich vor der Haustüre befindlichen Strand zu nutzen. Es gab dort einen auslaufenden Rest der gemauerten Fußgängerpromenade. Ein idealer Platz, um sich auch mal anlehnen zu können, um sitzend ein Buch zu lesen. Und: Der Platz bot zudem einen idealen Rundumblick auf das Strandgeschehen und zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen – Leute gucken. Da hatte ich in den vergangenen drei Tagen so manch „lustige Figuren“ wie „sinnvollste Dialoge“ gesehen und vernehmen können. Heute sollte fürs Erste der letzte Strandtag werden. Denn für die kommenden Tage hatte ich eine Vespa gemietet, um einige Ausflüge in die unmittelbare Umgebung unternehmen zu können, sozusagen auf Sightseeing-Tour zu gehen, Land und Leute auf den Zahn zu fühlen. So wollte ich einen Abstecher zur den Höhlen von Artà in Canyamel, einem ebenfalls beliebten Ferienort etwa südlicher, machen – dem größten bekannten und für Besucher begehbaren Höhlensystem Mallorcas. Auch der 522 Meter hohe Puig de Ferrutx mit herrlichen Ausblicken bis hin zum Klosterberg Randa bei Llucmajor, ins am westlichen Ufer von der Insel sich entlang ziehende Tramuntana-Gebirge oder bei klarer Sicht sogar bis zur Nachbarinsel Menorca, stand auf dem Plan.

Doch erst kam ich meiner Muße des Sonnenanbeters nach. Sinnvoll und effektiv ergibt sich „ausgiebige Farbe“ bekanntlich aus abwechselndem Sonnenbad und Abkühlung im Meer. Bei glatter See ist dabei eine Schwimmeinlage nicht das Verkehrteste. Bewegung hat, entgegen den sich mal eine 20-Meter-Bahn absolvierenden Pool-Enthusiasten, auch im Urlaub noch keinem geschadet. Dabei sollte eigentlich auch die Beschaffenheit dieses Küstenabschnittes stets im Hinterkopf behalten werden.

Sollte!

Wenn das Wasser so schön trägt – je höher der Salzgehalt, desto besser –, fällt das Schwimmen leichter, ist ein wahrer Hochgenuss. Auch mal einen sogenannten toten Mann zu machen, dabei in den blauen Himmel zu blinzeln oder auch mal die Augen zu schließen, sich leicht von den Wellen wiegen lassend vor sich hindösen. Bis eben Wellen kommen, die man auf dem Rücken liegend, nicht rechtzeitig und umfänglich wahrnimmt. Im Gegenteil. Anfänglich schaukelte es sich angenehm inmitten der Wellen mit zunächst zwanzig oder dreißig Zentimeter Höhe. Doch dann wurden sie höher und höher, gut das Doppelte und Dreifache, blitzschnell fast einen Meter hoch. Längst wieder in Bauchlage war klar: Jetzt heißt es sofort umkehren, sich a la Albatros Michael Groß oder Roland Matthes Richtung Ufer zu bewegen, wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Ich versuchte, mit aller Kraft ans Ufer zurück zu schwimmen, die Brandung nutzend, sich teils auch von dieser treiben zu lassen. Es blieb beim Versuch und beim Wunsch. Denn die landenden Wellen entwickelten zudem einen unheimlich starken Strudel. Ich wurde quasi von mehreren sich selbst überholenden Wellen regelrecht überrollt. Irgendwie vernahm ich, längst unter Wasser, ungewollt einige Salti mortale aufgezwungen zu bekommen. Ich schaffte es nicht mehr, meinen Körper unter Kontrolle zu bringen, mich zu strecken, gar irgendetwas wie Schwimmen zu vollführen. Da ich mich nur noch unter Wasser befand, war es mit der Luftzufuhr auch nichts mehr. Trotzdem folgte meine Lunge ihrem Urtrieb, sich mit Frischluft versorgen zu wollen. Und ich merkte, wie salzig das Mittelmeer auch vor Son Moll schmeckt. Letzte Erinnerung dabei: Mein Mund war voller Sand.


Aus!

Als ich später am Strand liegend plötzlich die Augen öffnete, sah ich – wie als „toter Mann“ auf dem Wasser rücklings treibend nun auf festem Untergrund – in einen wolkenlosen Himmel. Langsam schaltete sich mein Gehirn wieder zu. Ebenso mein Empfindungsvermögen für Schmerz. Denn ein Mann kniete neben mir und drückte auf meine Brust. Ich hörte ihn zählen „dreiundachtzig, vierundachtzig…“ Über mir vernahm ich eine Frau, die mich küssen wollte. Nein, sie machte gerade Pause in der Mund-zu-Mund-Beatmung. Mit dem Öffnen meiner Augen vernahm ich zugleich Jubelschreie. Der Mann ließ samt seiner Herzdruckmassage von mir ab. Die Frau gab mir eins zwei leichte Ohrfeigen. „Hallo! Hallo! Wieder da?!“ Ich bemerkte immer noch Sandkrümel in meinem Mund, bekam keinen Laut über meine Lippen. Mehrere Gesichter schauten teils entsetzt, teils freudestrahlend auf mich nieder. „Hallo! Hallo! Wieder da?!“ hörte ich die Frau erneut rufen. Ich quälte ein „Ja“ heraus. Es wurde mir ins Sitzen aufgeholfen. Eine andere Frau reichte mir eine Flasche Wasser. Die umstehende Kulisse klatschte Beifall und löste sich nach und nach auf. „Los! Mund ausspülen! Nicht trinken!“ Ich gehorchte. „Los, nochmal! Nicht trinken! Nur kräftig Spülen und Ausspucken!“, lautete erneut ihre Anweisung. Schließlich klopfte der eben noch neben mir gekniete Mann auf die Schulter und meinte: „Geschafft! Wow, das war knapp!“ Die unmittelbar noch umstehende restliche Zuschauerschar zollte erneut Beifall. Die zahlreichen Gaffer hatten sich derweil schon abgewandt und waren auf dem Weg zu ihren Liegen. Die Frau, die mir die Mund-zu-Mund-Beatmung verpasst hatte, nahm mich in ihre Arme und ich bekam doch noch einen Kuss von ihr auf die Wange. Sie hielt mit ihren beiden Händen meinen Kopf links und rechts und strahlte vor Glück während dessen ich immer noch irgendwie deppert drein zu blicken schien. „Wo liegst du?“, fragte sie. „Wie immer, an der kleinen Mauer am Zugang von der Promenade“, antwortete ich und zeigte in die Richtung. „Alles wirklich okay?“, vergewisserte sie sich abermals. Die andere Frau mit der Flasche Wasser übereignete mir diese, ehe sie sich mit dem Tipp verabschiedete: „Noch ein paar Mal Mund ausspülen und dann langsam ganz kleine Schlucke!“ Meine Retterin per Beatmung meinte darauf: „Ich bring dich“ und ging mit zu meiner Matte. Immer noch verdutzt fragte ich: „Was war geschehen?“ Sie erzählte. „Urplötzlich gab´s Riesenwellen. Leute, die sich relativ nahe am Ufer befanden, hatten bereits Probleme, an Land zu kommen. Dann haben einige Touris laut gerufen, dass du und noch drei vier andere Leute etwas weiter draußen davon überrascht wurden und mit den Wellen arg am Kämpfen waren. Zwei konnten mit und auf den Wellen ans Ufer gleiten. Eine Frau wurde ebenfalls von drei Leuten an Land geholt. Alle ohne größere Probleme, allzu viel Wasser geschluckt zu haben. Als zu sehen war, wie du von den sich inzwischen zu fast zwei Meter hoch auftürmenden Wellen unterwühlt wurdest, keine Chance hattest, aus eigener Kraft Richtung Ufer zu gelangen, sprangen zwei Männer sofort ins Wasser, kämpften gegen die Brandung an, um dich zu retten. So wie die Wellen aus dem Nichts kamen, verschwanden sie während der Rettungsaktion auch wieder. Gott sei Dank für euch alle drei. Die zwei schleppten dich ans Ufer. Du warst aber schon weggetreten. Dann haben wir mit der Wiederbelebung begonnen, erst mal deinen Mund vom Sand befreit, deine Zunge vorgeholt… na du weißt schon, was eben erforderlich ist, um jemanden zu retten.“ Die attraktive Blondine – so viel konnte ich inzwischen wieder halbwegs klaren Sinnes erkennen – ergänzte: „Na ja, und so einen schönen Jüngling lässt doch niemand so einfach ins Jenseits abgleiten.“ Dabei huschte ein Lächeln über ihre Lippen. „Jüngling ist gut gemeint mit Mitte Dreißig“ bedankte ich mich für das Kompliment. „Da sind wir wohl nur ein paar Jährchen auseinander“, musterte sie mich nun von Kopf bis Fuß. „Wo sind die beiden Männer?“, wollte ich meinen Rettern danken gehen. „Weiß nicht. Sind irgendwo am Strand verschwunden. Waren aber nicht welche vom Rettungsturm. Da war zu dem Zeitpunkt glaub´ ich gar niemand drauf. Aber wie die beiden das gehandelt haben… die waren bestimmt Rettungsschwimmer“ „Und du? Hast einfach so gleich gewusst, dass ich beatmet, reanimiert werden muss?“ Heidi – wir hatten uns inzwischen namentlich bekannt gemacht – entgegnete: „Nicht ganz. Ich bin Rettungssanitäterin, wusste, was ich mache.“ Mittlerweile hatte ich meinen Witz und meine Ironie wiedererlangt. „So ein Mist. Da ist ja niemand da, der dir eine Lebensrettermedaille überreichen kann“, flapste ich. „Oder ich spendier´ heut´ das Abendessen!“ Ein Lächeln huschte erneut über ihre Lippen. Unsere sich kreuzenden Blicke ließen gar keine Absage zu dieser Einladung zu. So hatte ihr Blick auch längst zugestimmt, ehe sie sagte: „Das klingt nicht schlecht. Wann und wo?“ Ich schlug – obwohl ich Halbpension gebucht hatte – das „del mar“ unmittelbar an der Promenade Avinguda d´ Amèrica mit Blick aufs Meer vor. „So gegen 18:30 Uhr, damit wir noch ´nen Platz bekommen und vielleicht einen schönen Sonnenuntergang beobachten können?“, wollte ich dem Rendezvous schon mal im Vorab eine romantische Note verpassen. „Okay“, willigte sie ein und verschwand im Tumult des Strandgetümmels.

Wow, vor ein paar Minuten noch kurz vorm Abkratzen und jetzt ein Date mit meiner wirklich höchst adretten Lebensretterin. Bereits jetzt spürte ich mein Herz vor lauter Aufregung und Vorfreude höherschlagen. Dabei hätte meine Retterin auch vollschlank und knatschig sein können. Aber nein: Etwa 1,75 groß, blonder Kurzhaarschnitt, sportliche Figur, humorvoll… Vielleicht endet heute mein Single-Dasein sah ich mich schon fast auf Wolke sieben angekommen.

Das alles zu verdauen, genoss ich noch eine Zeit auf meiner Bastunterlage. Schließlich packte ich meine Strandutensilien zusammen. Genug gesonnt, gebadet und vor allem er- und überlebt. Wie die Tage zuvor machte ich auf dem Nachhauseweg einen kleinen Umweg, um im „La Bodeguita“ einen „Strand-Absacker“ zu nehmen. Ich bemerkte leider nicht, dass Heidi gut fünfzig Meter hinter mir herschlenderte. Am La Bodeguita angekommen, winkten mir schon „meine drei Nixen“ entgegen. Die hatte ich gleich am ersten Tag dort kennengelernt. Sie hatten das kleine Gasthaus ebenfalls als „Feierabendbierlocation“ für sich ausgemacht. Wir hatten sofort einen guten lockeren Draht gefunden, hatten gleiche Auffassungen von Humor und vor allem, „jemanden auf den Arm zu nehmen“. So hatte ich einmal den dort auf einer Stange sitzenden Beo imitiert. Einem staunend davorstehenden etwa zwölf Jahre alten adipösen Jungen hatte ich mit verstellter Beo-Stimme gesagt: „Du bist fett! Du bist fett!“ Die drei samt Wirtin verfielen fast in einen Lachkrampf, als der Junge blitzschnell das Weite suchte.

Auf der Treppe des Gasthauses angekommen, schallte es über die Promenade und mir bereits entgegen: „Hallo, schöner Mann. Wellenbad gut überstanden? Da hätten wir ja fast ein Trauerbier auf dich trinken müssen! Aber hast ja am Ende ´ne tolle Blondine an deinen Lippen gehabt!“ schienen die drei mein Schicksal mitbekommen zu haben. Es folgten wie die vergangenen Tage auch herzliche Umarmungen und „Luftküsschen“ links und rechts. Wirtin Annett, eine aus Deutschland umgesiedelte junge Schwarzhaarige und irgendwie spanisch wirkende, rief: „Das erste Bier geht auf Kosten des Hauses. Dafür musst du aber genau erzählen, was los war!“ Als ich auf der kleinen Terrasse Platz genommen hatte, kam gerade Heidi vorbei. Ihre Sonnenbrille ins Haar gesteckt, war ihr jetziger Blick zu mir nicht mehr von der Sympathie vom Strand geprägt. Sie hatte wohl im Nähern den lauten und blumigen Empfang mit Umarmungen und „Höflichkeits-Küsschen“ mitbekommen. Ich prostete ihr zu und meinte: „Dann bis später!“ Dabei hoffte ich, dass sie Gesehenes und Gehörtes nicht falsch interpretieren und möglicherweise auf den Gedanken kommen könnte: „Der Aufreißer turtelt mit allen Weibern rum. Warum soll ich mit dem essen gehen?“

Am Abend wartete ich lange und schließlich umsonst im „del mar“ auf meine Reanimateurin. Das waren dann wohl doch zu innig aussehende „Höflichkeits-Küsschen“ gewesen, die möglicherweise real innige Küsse von Heidi vereitelt hatten.

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