Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Diese Zeilen von Goethe sollten ihrem Sinn nach als Bedingung für Auslandsreisen gelten. Wer also noch nicht nachweislich in einigen der unterschiedlichsten durchaus sehenswerten und Erholung bietenden Gegenden von Deutschland war – und die Ossis in keinem sogenannten Bruderland –, der sollte auch nicht ins (für die ehemaligen DDRler seit der 89er Wende nun bereisbare) Ausland reisen dürfen. Als Minimum sollten fünf unterschiedliche Orte und Regionen mit mindestens drei Urlaubstagen Aufenthalt das Maß der Dinge sein. Das widerspricht dem Grundgesetz, hör‘ ich’s schon aus allen Ecken wettern. Ja, aber es würde dem Inlands-Tourismus und vor allem der Erweiterung des Horizonts so manchen Teutonen mehr als guttun.
Zumindest hab‘ ich im Zeitrahmen bis das grenzenlose Reisen in alle Richtungen möglich war die Heimat recht umfangreich bereist. Neben vielen Orten an der Ostsee auch die Mecklenburgische Seenplatte, den Harz, Thüringer Wald, das Erzgebirge und Zittauer Gebirge, den Spreewald… Ich hatte es mir verdient, neben den Aufenthalten im „Bruderland“ Sowjetunion oder der Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen oder Ungarn endlich einen Urlaub ins kapitalistische Ausland zu gönnen.
Vom ersten Urlaub mit D-Mark sollte es darum in das berühmte wie berüchtigte siebzehnte Bundesland, auf die „Putzfraueninsel“ nach Mallorca gehen.
Aus den last-minute-Angeboten hatte ich mir ein absolutes Schnäppchen rausgesucht: Drei Wochen zum Preis für zwei mit Halbpension im Hotel Clombo in Cala Ratjada zum Preis von 630 D-Mark. Ja – ein wahrlich historischer Preis aus den anfangs 90er Jahren! Im tollen bunten Saison-Prospekt von TUI hatte ich die Rezension und Einstufung des Hotels für gut empfunden und war froher Dinge, eine gute Wahl getroffen zu haben.
Abflug ab Nürnberg war 6:00 Uhr. Mit dem Prozedere des Eincheckens hieß das, sicherheitshalber 4:30 Uhr vor Ort zu sein. Doch nach Recherchen in Fahrplanbüchern und per Telefon in den entsprechenden Auskunftsstellen – das Internet befand sich zu dieser Zeit noch in den berühmten Kinderschuhen und dass „Tante Goggl“ um Rat gefragt werden kann, war erst recht nicht möglich – gab es zu dieser Uhrzeit sowohl keine Zug nach Nürnberg als auch keine S- beziehungsweise U-Bahn- und Bus-Verbindungen aus der Geburtsstadt solch bekannter Persönlichkeiten wie Albrecht Dürer, dem Volksdichter Hans Sachs, dem angenommenen Erfinder der Taschenuhr Peter Henlein oder dem Bildhauer und Schnitzer Veit Stoß zum etwa sieben Kilometer von der Stadtmitte gelegenen Flughafen. Also griff ich zum Hörer und rief im Flughafen an, ließ mich mit der Unternehmensleitung verbinden und schilderte meine Lage, drückte aufs Gemüt, als Ossi meinen ersten Westurlaub machen zu wollen, und fragte nach, ob ein Übernachten innerhalb des Flughafengebäudes möglich sei. Die nette Frauenstimme am anderen Ende der Leitung bestätigte dies: „Ja, das ist in Ausnahmefällen wie ihren schon mal möglich. Sie müssen aber vor 22 Uhr da sein, sich einschließen lassen und dürfen nicht auf dem Fußboden liegen, sondern auf einer Bank sitzen.“ Sie würde auch der Security Bescheid geben, dass es ausnahmsweise einen nächtlichen Gast in der Wartehalle geben würde. Das war doch eine Auskunft, mit der ich leben konnte. Auch wenn es eventuell etwas ungemütlich werden könnte. Dafür hatte ich ja anschließend drei Wochen Zeit, mich zu erholen. Sicherheitshalber ließ ich mir diesen Bescheid noch per Fax zukommen, um im Falle der fälle etwas Schriftliches in der Hand zu haben.
So fuhr ich am Abend zuvor mit dem Zug in die Frankenmetropole. Es blieb Zeit, noch einen kurzen Stadtspaziergang im unmittelbaren Umkreis des Bahnhofs zu absolvieren, ehe der letzte Zubringer zum Flughafen fuhr. Pünktlich vor Ort machte ich es mir gleich in der Nähe des zutreffenden Terminals auf einer Bank bequem. Zwei Streife laufende Polizisten – oder Angehörige des klassischen Wachpersonals – traten näher und wollten mich eigentlich der Halle verweisen. Wieder drückte ich aufs Gemüt, als Ossi meinen ersten „Westurlaub“ machen zu wollen und ergänzte natürlich, dass die nette Frau (deren Namen ich selbstverständlich parat hatte) von der Flughafenleitung mir das Nächtigen erlaubt habe. Trotz des vorgezeigten Faxes erfolgte ein Rückruf per Walki-Talki mit der Zentrale, die mein Vorhaben bestätigte. Nachdem ich ihnen auch noch mein Flugticket gezeigt hatte, war die Übernachtung perfekt.
Ich hängte so weit möglich meine Taschen um, klemmte meine Beine in die Schultergurte meiner Krakse und machte es mir auf der Bank sitzend soweit bequem wie es die Umstände ermöglichten. In die Jackentasche hatte ich mir einen kleinen Reisewecker gesteckt. Er sollte mich 4:45 Uhr aus Morpheus Welt holen. Nicht, dass ich es noch verschlafen sollte. Geradeso bekam ich noch mit, wie sich das Licht abdunkelte, auf Nachsparmodus gedrosselt wurde. Dann herrschte absolute Stille. Nur ein leises fröhliches Pfeifen eines Mitarbeiters der Reinigungskolonne vernahm ich bereits im Halbschlaf ehe ich endgültig einschlief, tief und fest bis… nicht mein Wecker klingelte, aber ich genauso abrupt aus meinem völligen Ruhezustand gerissen wurde.
Es dauerte eine Weile, ehe ich zu mir kam. Noch die Augen geschlossen, merkte ich: Irgendwer stupste fortwährend an meinen rechten Schuh und schrie: „He! Aufwachen! Aufwachen!“ Hinzu gesellte sich genauso lautes plötzliches Hundegebell mit dem Eindruck, als säße der Vierbeiner auf meinem Schoss. Was geht denn jetzt hier ab, schoss es mir durch den Kopf. Jetzt nur die Ruhe bewahren. Du kannst eh, selbst zu einem Paket vergurtet, keine größeren Bewegungen machen. Langsam blinzelte ich durch die Wimpern und sah vier Uniformierte. Die beiden Mittigen standen in einem Abstand von etwa vier Metern direkt vor mir. Bewaffnet mit MP, die auf mich zielten. Der Linke war der mit dem Hund – einem deutschen Schäferhund, der das Dauerbellen inzwischen auf Kommando, aber nur für Sekunden, eingestellt hatte. Er stand unmittelbar neben mir und hatte zu tun, den immer noch auf mich springen wollenden und dabei erneut kläffenden Vierbeiner an der Leine zu halten. Der rechts von mir Positionierte hielt eine Pistole direkt in Richtung meines Gesichtes. Immer noch „Los! Aufwachen!“ brüllend wurde sein Stupsen gegen meinen Fuß von Mal zu Mal kräftiger. Ich linste sozusagen direkt in den Lauf seiner Pistole. „Was ist denn das für eine Scheiße!“, dachte ich und öffnete langsam die Augen. Der „Hundemann“, ohne eine Waffe im Anschlag zu haben, wechselte daraufhin das Vokabular in: „Keine falsche Bewegung! Schön ruhigbleiben!“ Ein fünfter Uniformierter, den ich vorher nicht im Blickfeld gehabt hatte, näherte sich und übernahm nun die nachfolgenden Anweisungen: „Sie klettern jetzt ganz vorsichtig aus ihrem Gepäckknäul und zwar so, dass ich ihre Hände sehen kann!“ Toll! Mit Händen in den Taschen wäre es eh nicht gegangen. „Was hab‘ ich denn gemacht? Ich hab‘ die Erlaubnis, hier sitzend schlafen zu dürfen. Das haben doch ihre Kollegen gestern Abend schon kontrolliert und abgesegnet“, wollte ich die Situation entschärfen. Dabei erinnerte ich mich: Gestern Abend hatten die „Kontrolleure“ ganz andere Uniformen an. Die jetzt sahen eher wie GSG 9 aus. „Das interessiert hier nicht! Sie kommen erst mal mit! Aufstehen! Hände auf den Rücken!“ Ein sechster Uniformierte kam schnellen Schrittes hinzu, drehte mich um, drückte mich an die Wand hinter mir, riss meinen linken Arm auf den Rücken, mein rechter Arm wurde auf gleicher Art „hinzugefügt“ und ehe ich mich versah, hörte ich die Acht klicken. Der Kommandogebende erklärte: „Sie sind vorläufig festgenommen wegen des dringenden Verdachts der Angehörigkeit einer terroristischen Vereinigung.“ „Das ist ein Irrtum!“, schrie ich. „Ich glaube eher, wir haben einen dicken Fisch gemacht!“, grinste der „Kommandeur“. „Ich hab´s sogar schriftlich! Greifen sie in meine linke Jackentasche! Da ist ein Fax von der Flughafenleitung drin!“ Doch das hätte ich auch mit gleichem Erfolg dem Hund sagen können.
Streng bewacht wurde ich unter den Augen erster eintreffender Reisegäste abgeführt. Links, rechts, treppauf und nochmal rechts links ging’s in einen Raum, deren Fenster vergittert waren. Ich wurde auf einen Stuhl platziert. Hinter mir mein Gepäck, das liebenswürdigerweise von den anderen Uniformierten mitgenommen worden war. Die Handschellen wurden entfernt. Zu dem mit der Pistole und dem bis dato das Wort Führenden gesellten sich zwei Herren in Zivil. Sie stellten sich vor. Name und irgendwas mit Haupt… Einer von ihnen forderte mich auf, ihm meinen Personalausweis oder Reisepass auszuhändigen. „So. Herr Grams, wo sollte es denn hingehen?“, eröffnete einer der beiden den Dialog. Ich nannte meinen richtigen Namen, dass ich ein ganz normaler Touri sei, der Urlaub auf Mallorca machen möchte. Dabei zog ich wie gewünscht meinen Personalausweis aus meiner Gürteltasche, fügte das Fax und meinen Dienstausweis bei. Immerhin ein offizielles Dokument des Deutschen Journalistenverbandes. „Das ist alles ein riesengroßer Irrtum“, legte ich mein Flugticket dazu und verwies darauf, mein Einchecken und letztendlich den Flug zu verpassen. Inzwischen hatte der zweite Zivile meine Ausweise beäugt. Er beugte sich zu seinem Kollegen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dabei hielt er ihm beide Ausweis-Dokumente und das Fax vor die Nase. Der nickte und der mit meinen Ausweisen verschwand aus dem Zimmer. Derweil schaute sich mein Gegenüber mein Flugticket an und ich sollte während dessen etwas über mein Leben erzählen. „Na eins passt schon mal. Sie kommen aus der ehemaligen DDR, wo eine ganze Reihe der RAFs Unterschlupf gefunden hatten. Und irgendwann geht ihr uns alle ins Netz, fliegt eure Tarnung auf. Statt Malle wird’s wohl Zelle heißen“, schien sich der Hüter von Recht und Ordnung seiner Sache sicher. Nach wenigen Minuten kam der Mann mit meinen Ausweisen zurück, flüsterte meinem „Gesprächspartner“ erneut etwas ins Ohr und schmiss mir sichtlich wütend meinen Perso und Presseausweis auf den Tisch. Auch mein Flugticket zischte samt Fax Richtung zu mir über den Tisch. Dabei schauten sich beide verdutzt und augenfällig enttäuscht an. Schnell steckte ich alles ein und fragte: „Was jetzt!“ Schließlich gab der bisher das Gespräch Führende kleinlaut Auskunft: „Leider alles ein bedauerlicher Zwischenfall. Ein Irrtum unsererseits. Aber wir mussten dem Hinweis nachgehen, dass sich ein immer noch gesuchter RAF-Terrorist absetzen will. Entsprechend der Ähnlichkeit von ihnen und einer Person auf dem Fahndungsplakat war das die logische Folge.“ Ich fragte daraufhin noch einmal: „Was jetzt? Das war´s?! Entschuldigung, oder wie!“ „Ja, Entschuldigung!“ kam die Antwort regelrecht angepisst anstatt mit Einsicht und angebrachter Reue. „Nochmal: Was jetzt?“, entgegnete ich ein drittes Mal. „Und wie komme ich jetzt zu meinem Flug? Wir haben’s 5:50 Uhr. 6:00 Uhr ist Start. Mit Einchecken wird’s wohl nichts mehr. Wer bezahlt mir jetzt einen Ersatzflug?“, wurde ich ähnlich schroff wie das kurz zuvor empfangene „Entschuldigung!“
Die zwei Protagonisten der sich im Irrtum befindlichen Sicherheitsbehörde tuschelten kurz und gaben dann die Anweisung: „Los, schnappen sie sich ihre Sachen und folgen sie uns!“ Einer der Uniformierten griff sich meine Krakse, um den „Abmarsch“ zu beschleunigen. Während dessen gab es per Funk eine Anweisung, die ich nicht vollständig verstand. Etwas von „sofort“ und „unverzüglich“ war allerdings zu vernehmen. Im Eiltempo ging es durch die Gänge und treppab. Am Ende des Sprints standen wir an einem Ausgang mit Blick auf das Rollfeld. Vor uns ein Polizeiauto. Die Türen und die Heckklappe standen bereits offen. Vorn saß neben dem Fahrer ein Flugplatz-Mitarbeiter. Mir wurde sogar noch beim Einladen des Gepäcks geholfen. Dann ging es mit Blaulicht Richtung startbereites Flugzeug Richtung Palma de Mallorca, dessen Motoren schon angelaufen waren. Die bereits Platz genommenen Passagiere auf der linken Kabinenseite hatten augenblicklich etwas zum Gaffen und Tuscheln. Eine Gangway wurde nochmal eiligst an die vordere Bordtür gefahren. Zwei Hostessen empfingen mich. Eine kümmerte sich um meine Krakse, die nun ausnahmsweise nicht im großen Frachtraum Platz fand, sondern gesondert im Passagierraum. Die andere geleitete mich an meinen Platz. Sie half auch noch beim Verstauen meines Handgepäcks.
Das Flugzeug startete mit etwa zehn Minuten Verspätung. Ich ließ mir das Bordessen schmecken und lauschte den nicht enden wollenden Vermutungen über mein verspätetes Einsteigen und des Transports mit der mit Blaulicht ans Flugzeug heranrasenden Minna. Mit einem Gefühl zwischen erlöst, erschöpft und Glücklichsein konnte ich sogar noch eine kleine Mütze Schlaf holen, ehe die Boing bei strahlendem Sonnenschein pünktlich in Palma landete. Es folgte ein phantastischer dreiwöchiger Urlaub.
