Was zwei unterschiedliche Socken für eine Auswirkung haben können
An Olympischen Spielen teilzunehmen, ist für einen Sportler bekanntermaßen das größte Ereignis, bereits ein Erfolg. Zwickau kann dabei sogar auf drei Olympiasieger verweisen: Jürgen Croy, Torwartlegende von Sachsenring Zwickau, Olympiasieger 1976; Lutz Dombrowski, Olympiasieger 1980 im Weitsprung und Lars Riedel, Olympiasieger 1996 im Diskuswurf. Rein von den Teilnahmen her gesehen, ist der Zwickauer Rodel- und Bobsport allerdings am erfolgreichsten. Denn sechsundfünfzig Jahre nach der Gründung der Sektion Bobsport der BSG Lokomotive Zwickau im Herbst 1954 gab es eine Sportlerin, die es als Bob-Pilotin zu zwei Olympiateilnahmen schaffte – Cathleen Martini.
Von 1992 bis 2000 gerodelt. Warum eigentlich in den Bob „umgestiegen“?
Martini: Die Konkurrenz war einfach zu groß. Das waren damals starke Rodlerjahrgänge. Mit dem Leistungsniveau von Susi Erdmann, Sylke Otto, Silke Kraushaar, Anke Wischnewski oder Tatjana Hüfner konnte ich nicht mithalten, um im Nationalkader eine Rolle spielen zu können. Also musste etwas Anderes her.
Und dann ausgerechnet Bob. Es hätte doch auch eine ganz anderer Sportart sein können?
Martini: Da hat wohl der Rausch der Geschwindigkeit eine Rolle gespielt. Und mit meinem Rodelende gab´s zeitgleich die erste Bob-WM für Frauen und die Möglichkeit, mit Trainingsfleiß auch international starten zu können.
Warum eigentlich überhaupt Rodeln?
Martini: Ich habe seit Kindesalter Sport getrieben. Erst Judo, wo ich kurz vor der Prüfung zum orangenen Gürtel ausgestiegen bin. Grund war ein Ferienangebot auf der Rodelbahn am Westsachsenstadion. Da hab´ ich sofort meine Lust und Liebe zum Rodeln entdeckt.
Im Jahr 2000 ging´s aber auch im Skeleton richtig los?
Martini: Früher bin ich auch mal „Bauchklatscher“ gerodelt. Aber Skeleton? Da hat mir der Arsch in der Hose gefehlt, kopfüber die Bahn hinunter zu preschen. Im Bob ist bei teils 140 km/h zumindest eine gewisse Schutzhülle dabei.
Die aber bei spektakulären Stürzen…?
Martini: … auch nur bedingt schützt. Das hielt sich aber bei meinen zig Fahrten mit zweimal in Whistler, je einmal in Altenberg, Königssee und Winterberg denke ich in Grenzen.
Wobei Whistler 2010…
Martini: … dumm gelaufen ist. Besser „traurig“, weil´s Olympia war und das Risiko, von Platz vier noch aufs Podest zu fahren, nicht belohnt wurde. Mit Olympia in Sotchi 2014 hadere ich, weil allen deutschen „Bobbies“ durch „falsche Materialpolitik“ Medaillen im wahrsten Sinne des Wortes „verbaut“ wurden.
Trotzdem liest sich deine Erfolgsliste mit 52 internationalen Podestplätzen nicht schlecht!
Martini: Ja, darauf bin ich auch stolz. Ging ja 2000/01 mit dem Junioren-Weltcup-Gesamtsieg gleich gut los. Danach zweimal Weltmeister, einmal Weltcup-Gesamtsiegerin und viermal Europameisterin… war schon toll.
Und das alles mit einer ganz individuellen Magge!
Martini: Du weißt zu viel. (lacht) Ja. Durch starkes Schwitzen beim Einlaufen vor jedem Rennen habe ich mich immer komplett umgezogen. Einmal 2002 hatte ich vergessen, frische Socken einzupacken. Kurzerhand sagte ich zu meiner Anschieberin Janine Tischer, sie solle mir wenigstens eine frische Socke von sich geben und sie bekommt eine verschwitzte von mir. Gesagt, getan. Das Rennen danach haben wir gewonnen. Seitdem habe ich im Rennen immer zwei unterschiedliche Socken getragen.
Seit der Saison 2020/2021 wurde für die Frauen für den immer noch nicht ausgetragenen Viererbob das Monobob-Rennen als zweiter Vergleich eingeführt. Wärst du eine gute „Monostarterin“ gewesen?
Martini: Zunächst finde ich es absolut geil, dass es für die Bobfrauen eine zweite Chance gibt, eine Medaille zu gewinnen. Ich hätte allerdings davon wohl eher nicht profitiert. Speziell auf meine letzten Jahre betrachtet, war ich ja eher eine „gemütliche“ Starterin. Höchstens auf längeren Bahnen. Da hätte ich sicherlich auch eine Runde mitgespielt im Podestkarussell.
Dreht sich das sportlich Karussell heute noch?
Martini: Ich pilotiere gelegentlich Gäste durch den Altenberger Eiskanal, habe die IBSF-Jury-Lizenz und bin ab und an in der Rennleitung bei Weltcups und Weltmeisterschaften eingesetzt. Ansonsten sind da der reguläre Dienstsport und Volleyball beim VC Dresden.
Wie schätzt du, die Altenburger Bahn mit einer 10 bewertet, den Schwierigkeitsgrad der Bahn im Sliding-Centre von Cortina ein?
Martini: Vorweg: Diese Bahn wurde nach dem Motto gebaut: Sicher runterkommen. Also gibt´s von mir eine 6 bis 7. Sie hat offenere Radien. Hier wird´s darauf ankommen, wirklich die Ideallinie zu treffen, um eine, die beste Zeit zu erreichen.
Die wer von den Deutschen erreichen kann?
Martini: Wenn alle ihre Nerven im Griff haben, kann es Medaillen regnen. Bei den Frauen ist der Ausgang offen. Da muss bei unseren Pilotinnen alles stimmen. Bei den Männern… könnte es im Zweier ein rein deutsches Podest geben. Im Vierer haben auch der Koreaner Kim, der Amerikaner del Duca und der Brite Hall berechtigte Podestchancen.
Was von dir wo beobachtet wird?
Martini: (zwinkert kurz) Hatte ich erwähnt, dass ich eine IBSF-Jury-Lizenz habe?
Da wird´s viel zu berichten geben, vielleicht bei einem Wiedersehen beim FIL-Sommer-Cup vom 7. bis 10. Mai an der Zwickauer Plasterodelbahn am Westsachsenstadion.
Einstige Zwickauer „Winter-Olympioniken“ zu Cortina d´Ampezzo


