M wie Mühlleiten und Makomanai – Gabriele Haupt/Lehmann

Holzskier, zugeschnittenes Plexiglas und 2000 Ost-Mark Prämie

Es ist kein Geheimnis: Sportlich aktive Eltern sind direkte Vorbilder für ihre Kinder. Die betreiben oft den gleichen Sport oder werden animiert, Freude an sportlicher Betätigung zu finden. So fuhr eine Zwickauer Familie (namentlich Nobis) in den Wintermonaten der 50er Jahre bei entsprechenden Schneeverhältnissen fast jedes Wochenende nach Klingenthal und frönte dem Skilanglauf. Während einem dieser Ausflüge wird vor Ort zeitgleich der Pionier-Pokal im Skilanglauf ausgetragen. Die damals 13-Jährige nimmt, animiert von ihren Eltern, daran teil und landet auf Anhieb auf Platz zwei. Was etwas später folgte, waren Kinder- und Jugendsportschule (KJS) sowie sechzehn Jahre Leistungssport und unter dem Namen Haupt Mitglied der National-Auswahl. Am Ende ihrer Karriere standen neben Teilnahmen bei Olympia 1972 in Sapporo und Weltmeisterschaften mehrere DDR-Meistertitel und Podestplätze sowohl im Einzel als auch in der Staffel auf ihrer Habenseite – Gabriele Lehmann.

Gibt es nach nunmehr fast genau einundsiebzig Jahren noch Erinnerungen an das entscheidende Rennen beim Pionier-Pokal?

Lehmann: Ja. Meine Mutti hatte mich regelrecht angestachelt, teilzunehmen. Ich war ganz geschickt auf den schmalen Brettern und der Familie in der Loipe immer voraus. Und so bin ich 1955 beim sogenannten Pionier-Pokal mitgelaufen. Es waren optimale Bedingungen. Ich wollte gewinnen… und habe so gesehen eine schöne Sportkarriere gewonnen.

Warum zum SC Dynamo Klingenthal und nicht nach Oberwiesenthal gegangen?

Lehmann: In Klingenthal war damals die erste Skisport-KJS in der DDR mit Internat, die es 1956 gab. Ich habe dort mein Abi gemacht und der Rest hat sich einfach ergeben.

Die Dynamo-Clubs galten damals als Mielke-Truppen. War das egal?
Lehmann: Als Schülerin und mit 18 machst du dir darüber keine Gedanken. Du warst zufrieden, am Skisport-Leistungszentrum Klingenthal zu sein, sozusagen auserwählt. Da war uns das Drumherum egal, als sogenannte Diplomaten im Trainingsanzug, der übrigens von der Synthetex aus Lichtentanne stammte, betitelt zu werden.

Du bist sowohl in Einzelrennen an den Start gegangen, warst aber mit der Staffel am erfolgreichsten – warum?
Lehmann: Wir waren einfach ein tolles Trio. Damals wurde ja noch die 3 × 5-km-Staffel gelaufen. Jeder hatte so seine Stärken.

Die bei dir worin bestanden?

Lehmann: Ich war als Startläuferin gesetzt, weil ich von uns dreien (Renate Fischer und Anna Unger) das größere Durchsetzungsvermögen hatte. Am Start müssen auch mal die Ellbogen eingesetzt werden, um sich im Pulk freizumachen. Den Biss hatte ich.

Und die damalige Staffel mit Haupt – Fischer – Unger wird stets in Erinnerung bleiben, weil…

Lehmann: … wir den damals größten Erfolg eingefahren haben: Die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften 1970 in Strebske Pleso. Es war die erste Medaille für die DDR im nordischen Skisport bei den Frauen.

Die sogar zu Hause noch mit einer Zugabe bedacht wurde!

Lehmann: (schmunzelt verschmitzt) Wir hatten richtig Glück. Wir bekamen, nicht wie die deutschen Fußballfrauen 1989 nach ihrem ersten Europameistertitel ein 40-teiliges Kaffeeservice als Prämie vom DFB. Wir bekamen sogar 2000 Mark, in Ost versteht sich.

Zu einer olympischen Medaille hat es leider nicht gereicht?

Lehmann: Nein, in Sapporo 1972 gewannen die Russen vor Finnland und Norwegen. Wir kamen nur drei Sekunden hinter dem BRD-Trio auf Paltz fünf ein.

Bei widrigem Wetter!

Lehmann: Die Bilder hab´ ich heut´ noch vor Augen. Schneemassen im Makomanai-Park von Sapporo und dichtes Schneetreiben ohne Ende. Getönte Skibrillen wie heute hatten wir nicht. Also wurde Plexiglas besorgt, zugeschnitten und an die Mützen genäht. (lacht) Leider hat sich dieser Trend nicht in der Vogue oder bei Burda-Moden durchsetzen können. Aber es half damals, die Loipe zu erkennen.

Gibt´s noch Kontakt zu den damaligen Mitstreiterinnen?
Lehmann: Ja, wir sehen uns aller zwei Jahre beim sogenannten Dynamo-Treffen.

… und plaudert über Skibrillen, Material der Skier und der Laufanzüge?

Lehmann: Es hat sich, hinsichtlich der genannten Dinge, viel und positiv verändert. Damals, in Sapporo, waren wir noch auf komplett aus Holz bestehenden Ski unterwegs, die erstens wesentlich schwerer waren und zweitens natürlich nicht so gute Gleitfähigkeit hatten, wie die später eingeführten Skier mit Kunststoffsohle. Meine finnischen Yärvinen-Holzlatten hab´ ich sogar noch.

Zudem kam die Technik des Scatens hinzu. Was wären heute deine Strecken, die dir entgegenkommen würden?

Lehmann: Ich glaube schon, dass es, da ich der Ausdauertyp war, der 50-km-Kanten wäre. Vielleicht auch der Skiathlon (je 10 km klassisch und frei) oder das Verfolgungsrennen.

Und wenn du hättest Teamsprint laufen sollen?

Lehmann: Das wäre mir egal. Unger oder Fischer? Ohne Belang. Auch mit Christine Philipp. Wir waren ein tolles Team.

Nun ein Blick in die Gegenwart. Inwieweit bist du noch mit dem Skisport verbunden?

Lehmann: Seit 2014, meiner Bein-OP und nachfolgenden Versteifung des Kniegelenks, ist Feierabend mit dem Skilaufen. Mit knapp 84 muss ich nicht mehr durch den Wald hirscheln. Aber gemütlich vom Sofa aus sind die im TV angekündigten Langlaufentscheidungen in Cortina vorgemerkt.

Mit welchen Emotionen und welchem Mitfiebern?

Lehmann: Meine Daumen sind fest den Läuferinnen um Katharina Hennig-Dotzler gedrückt. Unsere Damen haben durchaus gute Chancen, in der Staffel und vielleicht im Teamsprint in die Medaillenränge zu laufen. Bei den Herren wäre derzeit ein Top-Ten-Resultat schon eine echte Überraschung.

Bleibt fürs Mitfiebern am TV viel Spaß zu wünschen und weiterhin alles Gute!

Ehemalige Zwickauer „Winter-Olympioniken“ zu Cortina d´Ampezzo

Artikel teilen:

Facebook
WhatsApp

andere Artikel

Sport

Kein Erfolg auf zwei, aber auf vier Kufen – Cathleen Martini

Was zwei unterschiedliche Socken für eine Auswirkung haben können
An Olympischen Spielen teilzunehmen, ist für einen Sportler bekanntermaßen das größte Ereignis, bereits ein Erfolg. Zwickau kann dabei sogar auf drei Olympiasieger verweisen: Jürgen Croy, Torwartlegende von Sachsenring Zwickau, Olympiasieger 1976; Lutz Dombrowski, Olympiasieger 1980 im Weitsprung und Lars Riedel, Olympiasieger 1996 im Diskuswurf. Rein von den Teilnahmen her gesehen, ist der Zwickauer Rodel- und Bobsport allerdings am erfolgreichsten. Denn sechsundfünfzig Jahre nach der Gründung

Weiterlesen »
Sport

Vom Rodelberg an die Weltspitze – Ute Rührold/Klawonn

Von lächerlichen 81 cm und Waffelpopo bei Olympia 1972 und 1976
Wenn durch einen Arbeitswechsel ihres Vaters, der bei der Deutschen Reichsbahn gearbeitet hatte, die Familie 1960 nicht von Gommern nach Zwickau gezogen wäre, dann hätte es für die in Zerbst Geborene auch keine Rodelkarriere gegeben. Doch ehe es zum „Highspeed-Sport“ ging, waren Schwebebalken und Stufenbarren ihre sportlichen Metiers, wo sie als Turnerin athletische Grundlagen für später schuf. Nach hartem Training in den Eisrinnen standen am Ende ihrer Sportlerlaufbahn zahlreiche Titel und Medaillen zu Buche, startete die Rodlerin zweimal bei Olympischen Winterspielen

Weiterlesen »
Musik & Kultur

Jazz war von klein auf sein Ding – Jens Pflug

Als Musiker und Lehrer Begeisterung wecken
Seine große Leidenschaft ist der Jazz. Geboren ist er in Plauen, studiert hat er in Berlin, wo er eigentlich auch gern geblieben wäre, und in Weimar. Er ist in vieler Hinsicht trotzdem Autodidakt und hat mittlerweile schon lange seinen Lebensmittelpunkt wieder in Sachsen. In Zwickau unterrichtet er am Robert-Schumann-Konservatorium, ist leidenschaftlicher Musiker und ehrt seit geraumer Zeit mit seinen „Swing Serenaders“ mit ausgewählten Liedern in eigener Interpretation das Schaffen von Manfred Krug – Jens Pflug.

Weiterlesen »
error: Content is protected !!