Von lächerlichen 81 cm und Waffelpopo bei Olympia 1972 und 1976
Wenn durch einen Arbeitswechsel ihres Vaters, der bei der Deutschen Reichsbahn gearbeitet hatte, die Familie 1960 nicht von Gommern nach Zwickau gezogen wäre, dann hätte es für die in Zerbst Geborene auch keine Rodelkarriere gegeben. Doch ehe es zum „Highspeed-Sport“ ging, waren Schwebebalken und Stufenbarren ihre sportlichen Metiers, wo sie als Turnerin athletische Grundlagen für später schuf. Nach hartem Training in den Eisrinnen standen am Ende ihrer Sportlerlaufbahn zahlreiche Titel und Medaillen zu Buche, startete die Rodlerin zweimal bei Olympischen Winterspielen, in Sapporo 1972 und Innsbruck 1976, wonach sie für immer vom Schlitten stieg – Ute Rührold. Zuletzt war die studierte Bibliothekarin und verheiratete Klawonn als Tourismus-Managerin in der Tourismuszentrale Rostock-Warnemünde tätig. Ihr Herz schlägt natürlich weiterhin für die Kufenflitzer, was sie im Interview auch bestätigt.
Eigentlich hat dein Vater indirekt Schuld an deinen sportlichen Erfolgen?
Klawonn: (lacht) Irgendwie ja, aber noch ein bisschen mehr mein Entdecker Lothar Dietzel, der als Urgestein des Zwickauer Bob- und Rodelsports auch Leute wie Thomas Köhler, Harald Ehrig oder Cerstin Schmidt/Almonat zu top-Rodlern formte. Später darf ich aber nicht die Trainer beim SC Traktor Oberwiesenthal vergessen, zu erwähnen.
Und einen gewissen Rodelwettbewerb?
Klawonn: (lacht wieder) Jain. Das war purer Zufall. Wenn Schnee lag, und das war in meiner Kindheit normal, ging´s nach der Schule auf den Windberg. Ich hatte nur etwa fünf Minuten Fußweg zum etwa 230 Meter langen Abhang. Die Bahn hatte maximal fünf Meter Breite und einige Kurven sowie kurz vor dem flacheren Auslauf die sogenannten meist vereisten Buggel. Es wurde damals, weil die Bahn beleuchtet war, bis weit in die Dunkelheit gerodelt. Also war es folgerichtig, dass ich an diesem 22. Januar 1966 am Wettrodeln teilgenommen habe. Dass ich dann als Gewinnerin ganz oben stand… na ja, das hat meine Zukunft geprägt.
Also beim Rodeln vom Turnen weg gescoutet – warum dann beim Rodeln geblieben?
Klawonn: Es war der gleiche Verein, die BSG Lok Zwickau. Der Trainer hat gesagt, ich hätte Talent und das Zeug zu ganz großen Erfolgen. Und auch wenig die Rasanz des Rodelsports.
Den Sieg damals im Sitzen erreicht. Bei den Wettkämpfen lagen und liegen die Rodler auf dem Schlitten. Früher auch „Bauchklatscher“ gerodelt und wäre, hätte es dies damals bereits gegeben, Skeleton auch was für dich gewesen?
Klawonn: Vielleicht bin ich auch mal per „Bauchklatscher“ einen Berg runter gerodelt. Ich fuhr aber schon immer im Sitzen, den Oberkörper so weit wie möglich nach hinten gebeugt. Und Skeleton? Nie und nimmer! Mit dem Kopf zuerst! Das wäre nichts für mich.
Zwei Olympiateilnahmen und dabei jeweils Silber gewonnen, Silber bei der WM 1973 und 1975 und der EM 1973 sowie EM- und WM-Bronze 1974. Es wäre vermessen, daraus schlussfolgernd „Silbermarie“ zu sagen – aber traurig, bei „großen Ereignissen“ kein Gold errungen zu haben?
Klawonn: Du hast vergessen, ich war immerhin 1972 vor Elisabeth Demleitner aus der BRD in Königsee Europameisterin mit „lächerlichen 81 cm Vorsprung“, wie die Bildzeitung schrieb. Sicher war`s auch nervig, nicht ganz oben auf dem Stockerl zu stehen. Schließlich wollte auch ich gern gewinnen. Aber: „Die ewige Zweite“ hat doch auch was. Muss erst mal jemand schaffen.
Damals war es bei EM, WM und Olympia fast schon „normal, einen Schatten“ zu haben. Gab´s trotzdem Kontakt zu den Sportlern aus dem damals nichtsozialistischen Lager und bestehen noch heute Kontakte?
Klawonn: Wir hatten trotz Aufpasser zu allen Sportlern einen guten Kontakt. Da waren wir sehr erfinderisch, um „unseren Schatten“ abzuschütteln. Bis heute habe ich u.a. noch Kontakt zu Sarah Felder aus Italien und Christian Strom aus Norwegen.
Es war auch die Zeit, wo den DDR-Rodlern nachgesagt wurde, mit angeheizten Kufen zu ihren Erfolgen zu fahren oder „Übergewicht“ auf den Schlitten zu bringen!
Klawonn: Heiße Kufen, was für ein Unfug! In der Vorbereitungszeit waren wir beim „Kontrollwiegen“ sehr phantasievoll. Später (1976) konnte Gewicht aufgelegt werden. Es sah aus wie ein „Waffelpopo“. Wir hatten uns doppelte Miederhöschen genäht, wo man das fehlende Gewicht dazustecken konnte. Es musste ja am Körperschwerpunkt untergebracht werden. Ich glaube, die Obergrenze bei den Frauen lag bei 85 Kg und man durfte die Hälfte der Differenz zwischen Körpergewicht und festgelegter Obergrenze auflegen.
Innsbruck „Waffelpopo“ und in Sapporo?
Klawonn: Dort war es eine teils schmerzliche Angelegenheit. Ich musste zweimal zum Zahnarzt, ein Weisheitszahn musste gezogen werden. Davor hatte ich mehr Angst als Respekt vor der vierzehn Kurven umfassenden über eintausend Meter langen Bahn. Freitags bin ich noch mit Zahnschmerzen gefahren, am Montag dann zur Silbermedaille hinter Anna-Maria Müller und vor Margit Schumann, einem reinen DDR-Podest.
Gibt´s heute noch Kontakt zur Rodelszene?
Klawonn: Eigentlich kaum. Ich bin auch territorial ziemlich weit weg. Einen regelmäßigen Kontakt habe ich mit Eva Maria Wernicke, heute Wehling. Wir schreiben, telefonieren und besuchen uns. Schon zu unserer aktiven Zeit waren wir Freundinnen und haben den Kontakt nie verloren.
Da wird´s Zeit, sich wieder mal beim FIL-Sommer-Rodel-Cup an der Rodelbahn am Westsachsenstadion sehen zu lassen!
Klawonn: Die habe ich sogar im Oktober 1979 eingeweiht. Da bin ich schon etwas traurig, dort nicht trainiert haben zu können. Unser Sommertraining wurde zu meiner Zeit auf der Straße ausgetragen, zum Beispiel vom Kuhberg aus in Richtung Weißenborn. Und ja, ein Besuch beim Sommer-Cup steht auf meiner Agenda.
… um dann auch eine Fahrt zu machen, wenigstens ab Kurve 4?
Klawonn: Um Himmels willen. Das getrau ich mir nicht. Muss mit 71 auch nicht mehr sein.
Also seit dem Abschied vom Rodelsport 1976 nie wieder gerodelt?
Klawonn: Nicht auf Rennschlitten. Mal mit dem Nachwuchs hier in der Gegend. Allerdings sind die Rodelberge hier im Norden auch nicht so üppig gesät.
Dem Sport als Solches aber nicht abgeschworen?
Klawonn: Nein, ich fahre viel Rad, walke, spiele Tennis und gehe ins Fitnessstudio.
Sowie passiv auf der Couch?
Klawonn: (lacht herzhaft) Selbstverständlich! Nicht nur die Olympia-Rodelzeiten im TV sind vorgemerkt. Da wird geschaut, was die Fernsehberichterstattung anbietet. Favoriten sind für mich auch Biathlon, Abfahrtslauf und Curling.
Und nun bitte die „fachfrauliche“ Prognose für Cortina!
Klawonn: Bei den Frauen gilt mein Daumendrücken Julia Taubitz. Ich wünsche ihr viel Glück! Das Können hat sie. Auch Merle Fräbel hat mit ihrem EM-Titel ein Ausrufezeichen gesetzt. Aber: Die Österreicherinnen Lisa Schulte und Hannah Prock und auch die Amerikanerin Summer Bicher muss man immer mit auf der Rechnung haben. Bei den Männern ist die Medaillenvergabe offener. Vielleicht gelingt dort dem Chemnitzer Timon Grancagnolo der große Clou.
Dann danke für die Zeit und hoffentlich ein Wiedersehen an der Rodelbahn in Zwickau zum FIL-Sommer-Cup.
Ehemalige „Zwickauer Olympioniken“ zu Cortina d´Ampezzo


