Vielleicht bleiben hasserfüllte Fans auch zu Hause, wenn RB international spielt
Die Aufgabe für DDR-Fußball-Freaks könnte lauten, die in der zeitlichen Abfolge unvollständige Liste zu ergänzen: Karl-Heinz Spickenagel, Horst Weigang, Wolfgang Blochwitz, Jürgen Croy, René Müller, Dirk Heyne, Jens Adler… Der fehlende Torwart verbrachte seine Jugend (1970-81) bei der BSG Motor Altenburg und beim 1. FC Lokomotive Leipzig (1976/77), ehe er 1982 zum FC Carl Zeiss Jena wechselte. Später stand er beim 1. FC Nürnberg und bis 2002 bei Hansa Rostock zwischen den Pfosten. Er gehört bei RB Leipzig zu den Männern der ersten Stunde. Er ist der letzte DDR-Nationaltorhüter – Perry Bräutigam.
Torhüter sollen bekanntlich eine Macke haben. Welche Macke trieb dich bereits in früher Kindheit dazu, Torwart werden zu wollen?
Perry Bräutigam: Wenn der Ball egal wie auf dich zukommt, sich nach diesem zu hechten, zu springen, ihn dabei auch zu fangen. Das fand ich absolut toll. Und dann auch noch von ganz hinten ein Spielzug einzuleiten… das hat mich fasziniert.
Ein oft zitierter Satz von dir lautet: „Sepp Maier war mein Held.“ Warum nicht Jürgen Croy?
Perry Bräutigam: Mein Vater hat samstags 18 Uhr die Antenne entsprechend ausgerichtet und im Fernsehen lief dann die Bundesliga. Also habe ich damals inklusive „Sport aktuell“ meine zwei Helden gesehen – Croy und Maier. Maier war lustiger, hat international mehr gespielt. Das wollte ich auch, wohl wissend, dass das in der DDR ganz ganz schwierig werden würde.
Fürs Training wurde auch viel improvisiert. Existieren die als Jugendlicher aus blauen Handschuhen und dem Belag eines Tischtennis-Schlägers gebastelten ersten Torwarthandschuhe noch oder das selbstgeschneiderte hellblaue Dress mit schwarzem Kragen – irgendwie-wo museal?
Perry Bräutigam: Beides habe ich bildlich noch genau vor Augen. Beide existieren nicht mehr, sind durch die vielen Umzüge leider irgendwie verloren gegangen.
Wie oft musste eigentlich der Putz an der Trainingshauswand erneuert werden?
Perry Bräutigam: Richtig, da hab´ ich stundenlang gegengeschossen und das Ballfangen inklusive abrollen geübt. (lacht) Der Putz musste sehr oft erneuert werden. Auch der Glaser war des Öfteren vor Ort zu Gange, weil die Scheiben der daneben befindlichen Haustüre entzwei gegangen waren.
Wie es, bis 17 Jahre ohne Torwarttrainer lediglich mit „Learning by Seeing“, ins Tor der 2.-Liga-Mannschaft von Altenburg geschafft?
Perry Bräutigam: Weil ich von klein auf kontinuierlich durch alle Altersklassen ganz gute Leistungen gezeigt hatte, mir wie schon gesagt, sehr viel im TV abgeschaut und an der Hauswand ausprobiert habe. Und als beide Torwarte der Männermannschaft verletzt ausfielen… war ich eben da. Der Co-Trainer hat sich daraufhin meiner angenommen, erst richtiges Torwarttraining mit mir gemacht.
Ein paar Jährchen hin gab´s einen 5-Jahres-Vertrag und eine bizarre Ablösesumme bei Carl Zeiss, die den Sprung in die Bundesliga verhinderte. War das im Nachgang betrachtet verlorene Zeit auf dem Weg, möglicherweise „ganz groß rauszukommen“?
Perry Bräutigam: Kurz geantwortet: Ja, leider! Bereits 1988 gab es unter anderem bei Carl Zeiss erste „Nicht-Amateur-Verträge“ über fünf Jahre. Den hab´ ich unterschrieben, weil ich nicht zum BFC nach Berlin wollte. Dann kam die Wende. Da waren Ablösesummen von etwa 400.000 DM für Spieler aus der DDR-Oberliga die Regel. Jena hatte meine Ablöse allerdings auf 1,2 Millionen festgelegt. Gespräche mit dem FCK, Gladbach und Köln waren allerdings nicht zielführend. Es wurde aber immerhin die 2. Bundesliga und eben erst später mit Rostock auch 1. Bundesliga.
Die Quali-Gruppe 5 zur Fußball-EM 1992 hätte ein erneutes Treffen mit der BRD-Auswahl gegeben sowie mit Wales, Belgien und Luxemburg. Nur der Gruppenerste hätte sich qualifiziert. Diese Quali-Gruppe gab´s aber durch die Wiedervereinigung nicht. Die damals topp besetzte DDR-Elf hätte…
Perry Bräutigam: … die Quali geschafft! Schlimm daran war, dass Moldenhauer uns im Februar 1990 noch fest versprochen hatte, dass die DDR auf jeden Fall die Quali spielen werde. Eine enorme Motivation für uns, denn die DDR-Auswahl war zu diesem Zeitpunkt richtig richtig gut! Dann kam alles anders. Wir haben gemunkelt, (lächelt) dass die bundesdeutschen Kicker vielleicht auch auf keinen Fall gegen uns kicken wollten.
Seit Gründung des RB Leipzig dabei, jetzt Vereinsrepräsentant, der neben dem Training mit Kids mit welchen Aufgaben genau betraut ist – auch mit Scouting bei den Jüngsten?
Perry Bräutigam: RB Leipzig hat Fußballschulen in sieben Bundesländern, die sehr gut besucht sind und sich einer großen Popularität erfreuen. Und klar, da wird schon mal ein Auge auf talentierte Mädchen und Jungs geworfen. Ansonsten betreue ich als Repräsentant des Vereins zahlreiche Image-Aktionen, bin bei Auftritten wie hier bei der Vogtland-Sport-Gala Botschafter des Fußballs und natürlich des Vereins RB.
2026 – das sind zehn Jahre RB in der Bundesliga. Damals fast katapultartig gestartet und in jüngster Vergangenheit nicht mehr so optimal unterwegs. Warum und wann wird´s wieder besser?
Perry Bräutigam: Die sieben Jahre von 2009 aus der fünftklassigen Oberliga Nordost in die Bundesliga waren hart. Danach war RB außer in dieser Spielsaison immer international unterwegs. Das es auch mal so ein Jahr, insbesondere nach derartigen personellen Umbrüchen, geben kann, ist dem Verein bewusst. Aber RB ist auf Kurs Champions-League, mindestens wieder international. Das ist unser Anspruch.
Seit zig Jahren gibt es in der Fußball-Bundesliga Team-Hauptsponsoren, auch aus dem Ausland wie Qatar Airways oder Emirates. Warum tun sich alle mit RB so schwer, haben Vereine wie Rot-Weiß Erfurt, Wismut Aue und jüngst der HFC dem Fan-Druck nachgegeben, keine Test- und Freundschaftsspiele oder Turniere gemeinsam mit RB zu bestreiten?
Perry Bräutigam: Verstehen muss man das nicht. Eigentlich könnten alle davon profitieren, könnten froh sein, Bundesligafußball in der Region zu haben. Aber vielleicht bleiben demnächst genau diese hasserfüllten Fans auch dann zu Hause, wenn RB international spielt!
Red Bull soll, bevor es in Leipzig Fuß fasste, auch in Dresden und Halle angeklopft haben. Es heißt deshalb in der Fan-Szene: Die haben Nein gesagt, Charakter bewiesen. Rührt daher der unverständliche Hass gegen RB?
Perry Bräutigam: Das ist mir so nicht bekannt. Zur ersten Trainingseinheit von RB kamen rund einhundert Journalisten. Die Neugier war groß und ist es immer noch. Die Frage war und bleibt: Nimmt RB den alteingesessenen Vereinen die so wichtigen und leider weniger werdenden Sponsoren weg? Nein!
In welcher Form gibt es heuer noch eine Zusammenarbeit mit dem SVV Markranstädt, dem RB ja seine „Geburt“ verdankt?
Perry Bräutigam: Die gab es noch kurz danach. Dann hat sich meines Wissens die Beziehung im Sande verlaufen.
Nagelsmann hat auch bei RB erfolgreich Spuren hinterlassen. Seine Herangehensweise als National-Coach an die Aufstellung seines Kaders reicht bei der anstehenden WM zu…
Perry Bräutigam: …jetzt nicht vorhersehbaren Ergebnissen. Bei einer WM spielen viele Faktoren, auch plötzlich vor Ort auftretende, aber auch sich glücklich ergebende Umstände eine Rolle. Eine WM spielt niemand mehr so mal im Vorbeigehen. Nagelsmann muss jetzt seine gewählte Strategie durchziehen.
Es hat in der Sport-Geschichte schon zahlreiche politisch begründete Boykotts und Statements gegeben. Geht sowas heuer an der Fußball-WM spurlos vorüber?
Perry Bräutigam: Die Fußball-WM ist neben Olympia das größte sportliche Ereignis der Welt. Fußball ist weltweit die beliebteste Sportart, vereint die ganze Welt. Da hängt derart viel Geld dran… da wird´s kein Boykott geben.
Nun noch ein heikles, besonders im Osten diskutiertes Thema – die Aufstiegsregelung aus der Regionalliga. Nun soll es vier neu gegliederte Staffeln geben oder doch alternativ ein Aufstiegsturnier mit einfacher Spielrunde?
Perry Bräutigam: Letzteres gab es mal in der DDR. Aber jede Art von Relegation ist sportlich ungerecht. Also scheint der Vorschlag mit vier neu zu schaffenden Staffeln und dann vier direkten Aufsteigern überlegenswert.
Für die Zukunft noch viele erfolgreiche Jahre mit RB Leipzig und den einen oder anderen Titel und Pokal.


