Vom Stürmer zum Verteidiger und insgesamt 326 Spielen für Rot-Weiß
Sobald Jungs halbwegs fest auf ihren eignen Beinen stehen und laufen können, spielen sie Fußball. Der eine hat Talent. Der andere wird´s nie raffen. Doch alle träumen davon, später einmal ganz groß rauszukommen. Zu jeder Zeit gab es dafür Idole. Runtergebrochen in unterste Ebenen hieß das zu DDR-Zeiten, irgendwann in einer Oberligamannschaft zu kicken. Dann vielleicht sogar, die Meisterschaft zu gewinnen oder einen großen Pokal, mit der Nationalmannschaft international zu spielen. Letzteres war allerdings auch auf europäischer Bühne möglich – zum Beispiel im UEFA-Pokal der Pokalsieger. Bereits von der Bank der BSG Motor Zwickau aus erlebte er es 1968 im Kader gegen Torpedo Moskau. Zwickau schied nach einem 0:0 in Moskau mit einer 0:1-Niederlage zu Hause in der 1. Runde aus. Besser lief es 1975/76, als es die BSG Sachsenring Zwickau mit legendären Spielen gegen Panathinaikos Athen, AC Florenz und Celtic Glasgow bis ins Halbfinale schaffte. Immer in diesem Spielgeschehen dabei – Roland Stemmler.
Gebürtig und damals wohnhaft in Reinsdorf aber das Fußballspielen mit zehn bei Empor Friedrichsgrün begonnen – wie das?
Stemmler: Wir haben zu der Zeit fast an der Autobahn gewohnt und da war der Weg nach Friedrichsgrün einfach näher. Also hab´ ich mich dort angemeldet.
Und hast auf welcher Position gespielt?
Stemmler: Meistens im Mittelfeld oder im Sturm. Ich wollte Tore schießen und muss wohl gar nicht so schlecht gewesen sein. Denn ich wurde in die Bezirksauswahl delegiert.
Delegiert von Friedrichsgrün?
Stemmler: Nein, der damalige Trainer noch von Motor Zwickau, Karl Dittes, hat mich – wie es heutzutage heißt: gescoutet – ins Team der Junioren-Oberliga geholt.
Es folgten ab der Serie 1967/68 bis 1982 tolle Jahre im Dress der Oberligamannschaft?
Stemmler: Genau. Ich durfte 326mal für die Rot-Weißen auflaufen mit dem Höhepunkt meiner Karriere, in allen acht EC-Spielen auf dem Platz stehen.
Und das alles ohne größere Verletzungen!
Stemmler: Genau! Während meiner aktiven Zeit bin ich von größeren Verletzungen verschont geblieben. Erst danach hat´s den Innenmeniskus und das Kreuzband erwischt.
Nun zum 50jährigen Jubiläum des Celtic-Spiels. Wie ist die Idee zu werten, das als Anlass zu nehmen, per Crowdfunding das Westsachsenstadion mit Legenden-Eck 2.0, Renovierungsarbeiten und Fotorundgangaufzuhübschen?
Stemmler: Eine absolut sehr gute Idee, dieses Ereignis an traditioneller Stelle zu würdigen. Phänomenal, dass an uns immer noch gedacht wird. Auch, wenn´s ´ne Weile gedauert hat. (lacht kurz) Wir durften uns sogar ins Goldene Buch der Stadt einschreiben. Insgesamt ist die derzeitige Entwicklung des Vereins zu würdigen, die Arbeit, die jetzt – und hoffentlich auch in den kommenden Jahren – geleistet wird.
Vom Crowdfunding sollen auch mit Graffiti gestaltete Hauswände an das Celtic-Spiel erinnern oder doch lieber rund einhundert Sitzplätze im WeSa schaffen?
Stemmler: Derzeit müssen die Zuschauer bei den hier ausgetragenen Spielen und anderen Wettkämpfen ringsherum am Geländer stehen und zusehen. Über Sitzplätze, wie früher Turm rechts und links, sollte nachgedacht werden.
Zurück zum Celtic-Spiel. Bis dahin gab´s eine eingespielte Abwehr, aus der bereits zum Pokalendspiel in Berlin Heinz Wohlrabe, weil er noch kurz vor seinem 26. Geburtstag zur Armee einberufen wurde, wegfiel. Pech des einen, Glück des anderen, für dich?
Stemmler: Nein. Wie schon gesagt: Seit 73/74 gehörte ich, von Horst Scherbaum bereits eher zum Verteidiger umfunktioniert, durchgehend zum Stammabwehrblock der BSG. Egal wie diese Formation umgebaut und ergänz werden musste, sie hat funktioniert. Aber es war schon diffizil. So wurden ich und Gerd Schellenberg ja auch erst nach den Europacupspielen eingezogen. Für Heinz tut´s mir bis heute noch leid.
Im FDGB-Pokal-Finale war eigentlich Peter Nestler der entscheidende Mann, der erst durch sein 2:2 in der 119. Minute das 11-m-Schießen ermöglichte. Wurde er damals oder bis heute vom Team in einer besonderen Form dafür gewürdigt?
Stemmler: Das hätte er nie gewollt und will es auch jetzt nicht. Ich will nicht sagen, dass es egal war. Aber uns zeichnete damals ein absolut intakter Mannschaftsgeist aus. Das war unsere Stärke. Jeder war für jeden da. Letztendlich war´s darum völlig egal, wer uns zum Sieg, in dem Falle ins Elfmeterschießen gebracht hat.
Es soll damals für den FDGB-Pokal-Sieg 1000 Mark Siegprämie gegeben haben. Den gleichen Betrag, den Dresden erhalten hätte und was selbst damit gemacht?
Stemmler: An die 1000 Mark hab´ ich keine Erinnerung mehr. Aber wir wurden vom Betrieb als Bestarbeiter geehrt. Da gab´s, je nach absolvierten Einsatzzeiten, Plaketten in Gold, Silber und Bronze und dazu 300, 200 oder 100 Mark.
Dann kamen die acht EC-Spiele. Welches Auswärtsspiel ist warum in besonderer Erinnerung geblieben?
Stemmler: Gleich das erste Spiel. Wir mussten in Patras spielen, weil Panathinaikos eine Platzsperre erhalten hatte. Wir konnten erst einen Tag später als geplant ab Prag fliegen. Danach folgten 300 Kilometer per Bus. Wir waren da eigentlich k.o. Aber die Hotelunterkunft mit riesengroßen runden Betten, einer Dachterrasse mit Swimmingpool… das erste Flair der großen weiten Welt ließ uns Kraft schöpfen, tags darauf den Griechen ein 0:0 abzuringen.
Und alles ohne eigene mitgereiste Fans, oder gab´s einige „Unbekannte“ im Tross?
Stemmler: Nein, da war niemand „Unbekanntes“ dabei. Nur Trainerstab und Mannschaftsarzt. Da wurde vorher schon gesiebt. Dr. Pfeil bekam keine Reiseerlaubnis.
Waren die Celtics irgendwie geschockt vom Tunnel und den 40.024 Zuschauern, fast genauso viele wie im Celtic Park, nur diesmal eine frenetische Wand gegen sie?
Stemmler: Nach dem 1:1 in Glasgow haben uns die Schotten auch in Zwickau unterschätzt. „Die NoNames vom Kontinent können wir auch auswärts putzen“ war wohl deren Einstellung gewesen. Und sicher wird auch wie einigen anderen Mannschaften der Gang durch den mit einem leichten Knick versehenen Tunnel und die dann plötzlich entgegenschwappende laute Welle der frenetischen Fans einen ersten Schock versetzt haben.
Warum selbst bei den beiden 11-m-Schießen kein Schütze gewesen oder waren die fünf Schützen vorher festgelegt?
Stemmler: Wir wussten, wir haben gute und bewährte Schützen in unseren Reihen. Und die standen vorher fest, zum Teil auch die Reihenfolge.
In den 70ern gab´s noch keine UEFA-Prämien für das Erreichen einer entsprechenden Runde. Nach Abgabe von damals üblichen z.B. 10 % der Eintrittsgelder, blieben bei einem Eintrittspreis von 5,10 Mark rund 180.000 Mark übrig. Ist bekannt, wie viel davon bei der BSG landete?
Stemmler: Tolle Rechnung, über dessen Ergebnis und Verbleib ich leider nichts weiß.
Wer hat eigentlich Bälle vom Berliner Finale und den EC-Spielen „eingeheimst“?
Stemmler: (lacht) Damals lagen nicht alle paar Meter weitere Bälle zur Verfügung. Es gab nur einen Spielball. Wenn der zum Beispiel in die Zuschauermassen flog, wurde gewartet, bis der zurückkam. Nur wenn der Spielball kaputt gegangen wäre, hätte es einen Ersatzball gegeben. Also wurden die Bälle, auch international, nach dem Spiel brav eingesammelt.
Welches eigene „Souvenir“ vom Celtic-Spiel oder anderem EC-Spiel ist im eigenen Besitz?
Stemmler: Ich habe von all meinen Gegenspielern deren Trikot, also das Original-Spieldress. Nur nicht von den Schotten. Die waren so frustriert, dass sie uns später lediglich ihre Trainingsshirts gaben. (lacht) Oder sie haben ihrer nachgesagten Mentalität, geizig zu sein, entsprochen.
Die BSG hatte insbesondere in der „Nachfolge-Generation“ auch topp Akteure, z.T. sogar mit späteren Auswahlspielern wie Pilz, Keller, Döhler, Becher, Bielau, Glowatzky… Warum ist ein Finaleinzug, gar erneuter Pokal-Gewinn und internationaler Fußball nicht geglückt?
Stemmler: Genannte Spieler hatten nie die Gelegenheit, sich über längere Zeit miteinander einzuspielen, so wie wir gemeinsam zu wachsen. Nach unserem internationalen Auftritt war ebenso klar: Die besten Spieler mussten zu den sogenannten großen Clubs delegiert werden, was denen auch nicht verübelt werden konnte, wollten sie international spielen. (lacht) Sonst hätte ja Zwickau als BSG die halbe Auswahl gestellt.
Der Pokalwettbewerb ist auch in vergangenen Jahren kein Zwickauer Ding – warum?
Stemmler: Das ist das Problem vieler Teams. Ich hab´ da so meine Meinung dazu. Früher kamen die Spieler alle aus der Region, waren mit ihr, auch durch die Fans, verbunden, bodenständig, hatten das gewisse für gemeinsame Erfolge erforderliche Heimatgefühl. Heute gibt´s meist Zweijahresverträge, kommen die Akteure von sonst wo her, dreht sich das Spielerkarussell, ist der Zusammenhalt zu kurz, um, wie wir zu unserer Zeit, als verschworene Einheit auftreten zu können. Dazu kommt: Es fehlt hinten und vorn das Geld, langfristig ein wirkliches Team, was gewillt ist, mit ganzem Herzen durch dick und dünn gehen zu wollen, aufbauen zu können.
Welche Verbindung gibt´s heute noch zum (Zwickauer) Fußball?
Stemmler: So es die Zeit erlaubt, gehe ich zu allen Heimspielen des FSV. Gute Verbindungen habe ich ebenso noch zu vielen ehemaligen Wegbegleitern, auch in Friedrichsgrün.
Dann noch viele von Erfolgen gekrönte Heimspiele beim Besuch von FSV-Spielen, vielleicht ja auch wieder mal im DFB-Pokal.
Impressionen und Bericht zu 50 Jahre Pokaltriumpf über Celtic Glasgow


