Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Erinnerungen nur noch in Gedanken

Das bereits erwähnte Jugendtourist-Reisebüro hatte auch Angebote in wahrlich weite Fernen. Dazu zählten zum Beispiel Kuba und Vietnam. Ebenso eine einwöchige Zentralasien-Reise, eine Städte-Tour mit zusätzlichem Abstecher in die Mongolei. Das bedeutete zwar Leben aus dem Koffer und kein Relaxen irgendwo am Strand, hingegen dafür frei nach dem Werbeslogan der kinder-Schokolade nicht unbedingt jede Menge Spiel undSpaß aber eine gehörige Portion Spannung.

Die Reise wurde warum auch immer angeboten wie Sauerbier. Es wurde sogar der ursprünglich festgesetzte Preis heruntergesetzt, um Teilnehmer zu finden und die Reise insgesamt nicht absagen zu müssen. Eigentlich unverständlich, warum dafür nur geringe Nachfrage bestand. War es doch zum einen für einen gelernten DDR-Bürger eine einmalige Chance, fürwahr fremdes Land und Leute zu besuchen. Zum anderen für einen unschlagbaren Preis gegenüber vorher avisierten rund achthundert von nun keinen fünfhundert Mark. Als Stationen dieser Flugreise lockten Buchara, Samarkand und Taschkent sowie die Region Uws in der Mongolei. Die Reisegruppe war letztendlich auf das erforderliche Minimum von zwanzig Teilnehmern zusammengekommen. Einer meiner damaligen Kollegen hatte dieses last-minute-Schnäppchen entdeckt und sofort einen Rundruf gestartet, wer noch Lust darauf habe. Ich war sofort dabei und konnte mich glücklich schätzen, diesen wahren Glückstreffer gelandet zu haben, einmal eine völlig andere Kultur kennen zu lernen. Schließlich waren wir ein Trio, was sich Richtung Usbekistan aufmachte.

Los ging´s ab Flughafen Schönefeld mit einer TU 154, scherzhaft auch als „russische Schwester der Boing 727“ bezeichnet. Mit kurzem Zwischenstopp auf dem Moskau-Scheremetjewo inklusive problemlosem Aus- und wieder Einchecken, transportierte uns quasi nach einem Umstieg ebenfalls eine TU 154 nach Buchara. In Moskau hatte ich schon mal – obwohl das Fotografieren auf dem Flughafen strengstens untersagt war – „aus der Hüfte geschossen“ und eben eine solche BO 727 per Foto erwischt. Na ja, ein bisschen Nervenkitzel war´s schon.

Angekommen im Hotel in Buchara beschlossen wir drei, Roland, Bernd und ich, noch eine Runde ums Viertel zu drehen. Bewaffnet mit unseren Spiegelreflexkameras – Bernd mit einer Praktika, Roland mit seiner Voigtländer Vitrona und ich mit einer Exa 1a und einer Smena SL – wollten wir erste abendliche Eindrücke auf dem Zelluloid festhalten. Bei der Masse von sich bietenden Motiven und unserem Filmkontingent war uns sofort klar: Wir teilen uns in die Aufnahmen rein und tauschen zu Hause die Fotos aus. Bernd und Roland hatten jeder vier 36er Farbfilme im Gepäck. Ich einen 24er plus zwei 36er und zwei 36er Dia-Filme.

Auf unserem Erkundungstrip wurden wir sogleich in ein Teehaus „gelotst“. Es war schon verwunderlich, dass der Tee erst dreimal hin und her geschüttet wurde, ehe wir ihn aus bunt verzierten Keramikschalen trinken durften. Wieder in der Unterkunft angelangt, fielen wir todmüde ins Bett. Nächsten früh bestiegen wir alle einen Bus für eine Stadtrundfahrt. Bernd hatte im Gespräch mit der Reiseleiterin dafür gesorgt, dass es unterwegs einige Fotohalte mehr als üblich geben sollte. Was aus bekannten Filmszenen aus 1001 Nacht, von Ali Baba oder dem kleinen Muck bereits bekannt war, offenbarte sich als noch wesentlich eindrucksvoller: Eine faszinierende Architektur, die unsere Münder dauer-offen stehen ließen. Denn das historische Zentrum von Buchara ist das vollständigste und unberührteste Beispiel einer mittelalterlichen zentralasiatischen Stadt. Wir machten Halt am Samaniden-Mausoleum, der Zitadelle Ark, am Ensemble Poi Kalon mit dem Kalon-Minarett und der Koʻkaldosh- und Nodir-Devonbegi-Madrasa, um nur einige Stationen zu nennen. Madrasa werden die religiösen Schulen beziehungsweise Schulen genannt, in der Islamwissenschaften unterrichtet werden.

Unsere Auslöser klickten überall. Wir waren also die heutzutage als alles und überall knipsenden Japaner aus der DDR. Die Absprache zwischen uns klappte. Auch für Schnappschüsse, bei denen wir unsere Gerätschaften mit entsprechenden Erläuterungen in fremde Hände delegierten, um uns auch mal mit zu verewigen.

Bereits am nächsten Tag ging es – eigentlich „vor dem Aufstehen“ – um 6:30 Uhr gute viereinhalb Stunden per Bus von Buchara nach Samarkand. Obwohl wir keine blaue Rundumleuchte auf dem Busdach hatten, gar mit Sirene unterwegs waren, ließ sich der Eindruck nicht erwehren: Der Fahrer hatte, wie es so schön heißt, Jagdwurst gegessen, fuhr rallyemäßig in einem Affentempo nicht nur über Land, sondern auch durch die kleineren Ortschaften. Angekommen in Samarkand auch hier atemberaubende Gebäude und ein Mittagessen, das ein Augen- und Gaumenschmaus war. Es gab Gummas, eine Art Teigtasche, gefüllt mit Hackfleisch und Zwiebeln und Kartoffeln. Es folgte das Traditionsgericht Plov (Reis mit Schafsfleisch, Karotten, Wachteleier, Kichererbsen, Rosinen, Knoblauch und eine Gewürz-Kombination aus Safran, Koriander und Berberis-Beeren). Was uns verwunderte: Wir wurden in Deutsch bewirtet. Kein Wunder, denn in Usbekistan leben noch sehr viele Deutsche, Nachfahren der einst von der Wolga nach Zentralasien deportierten sowjetischen Staatsbürger deutscher Nationalität.

Unsere Fotoapparate drohten, heiß zu laufen. Natürlich während der Stadtrundfahrt, aber auch beim Festhalten der hiesigen Küche und den netten in Trachten gekleideten hübschen Kellnerinnen. Eigentlich hätte auch dieser Schnittpunkt der Kulturen und wichtiger Knotenpunkt der ehemaligen Seidenstraße mehrere Tage Aufenthalt verdient gehabt. Leider hieß es auch hier nach einem Tag Abschied nehmen. Mit dem gleichen Bus wie tags zuvor folgte am folgenden Nachmittag wieder reichlich viereinhalb Stunden die Weiterreise nach Taschkent. Fast schon traditionell zu nennen, schlichen wir – was eigentlich nicht gewünscht war – um die Blöcke, tauchten in das Nachtleben, soweit vorhanden, ein. Der Duft eines kleinen Restaurants zog uns an, denn das Abendessen im Hotel hatte uns nicht gesättigt – und ehrlicherweise auch nicht so recht gemundet. So genossen wir jeder ein leckeres Schaschlik mit Lammfleisch und speziell scharfen Zwiebeln. Dazu absolut würzige großblättrige Petersilie und ein Pilzsalat. Auf dem Rückweg wagten wir einen Blick in eine Station der 1977 eröffneten U-Bahn.

Trotz Fotoverbots – in der Sowjetunion galten und gelten die U-Bahnen als strategisch wichtige militärische Objekte – ließ ich meine Smena einige Male klicken. Schließlich war´s ja eine russische Kamera. Da war doch die heimatliche Verbundenheit irgendwie gegeben – oder etwa nicht?! Mit Marmor prunkvoll mit tollen Motiven und Mustern verkleidet, war das schon ein Hingucker.

Vom Bus aus und den wiederum auf unser Drängen hin öfteren Halts als angedacht, suchten und fanden wir auch am nächsten Tag tolle Motive. Die Rundfahrt nahm diesmal fast den kompletten Tag in Anspruch, weil es ausgedehnte Stopps gab. So im Chorsu-Basar, am Fernsehturm mit Besuch dessen oder am Romanow-Palast samt Park. Letzteres eine Art Huldigung der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Denn immerhin brachte der Großfürst Nikolai Konstantinowitsch Romanow aus dem Hause Romanow-Holstein-Gottorp nicht nur deutsche Wurzeln mit. Die Romanows stellten in dritter Dynastie die russischen Zaren. Überall dort fanden sich selbstverständlich die tollsten Motive. Wer konnte schon am Eingang des Zarenpalastes posen oder später auf einem der ältesten Basare Zentralasiens inmitten von riesigen Säcken voller Gewürze „seine Waage“ mit hier gehandeltem rotem Pfeffer zeigen.

Früh zeitig hieß am nächsten Morgen das Ziel Flughafen – dem Islam Karimov Tashkent International Airport, der bereits seit 1923 angeflogen wurde. Mit einer sonst für Inlandsflüge genutzten TU 134 hoben wir wenig später Richtung Uws in die Mongolei ab. Bemerkenswert war: Was dem einen oder anderen von Inlandsflügen innerhalb der Sowjetunion bekannt war, gab´s im hinteren Teil des Flugzeugs auch hier – Menschen mit lebendem Kleingetier vom Huhn bis zum Ferkel. Tja, andere Länder, andere Sitten.

In Uws teilte sich unsere Reisegruppe. Denn für den letzten Teil der Reise wurden vor Ort plötzlich zwei Möglichkeiten angeboten. Variante eins: Ein weiterer Stadtaufenthalt mit Ausflug an einen Badesee. Variante zwei: Fahrt in die Steppe und Übernachtung in der Jurte. Für letzteres Angebot gab es aber nur acht Plätze. Blitzschnell hatte ich meinen Arm oben, genau wie Bernd und Roland. Am Ende gab´s kein Gerangel um die Plätze, denn nur sechs wollten dieses Abenteuer wagen.

Die Mongolei – mit rund drei Millionen Einwohnern der am dünnsten besiedelte Staat der Welt – versprach gewisse Exotik und die Sicherheit, sich auf eine Konversation mit Händen und Füßen einstellen zu müssen. Vom Geographie- und Geschichts-Unterricht war noch hängen geblieben: Unter Dschingis Khan war es einst das größte zusammenhängende Reich der Welt und noch heute leben dessen Menschen überwiegend in der althergebrachten Nomadenkultur. Die größte Stadt ist die Hauptstadt Ulan Bator. Die Landschaft wird geprägt von grasbewachsenen Steppen, in denen nur wenig Ackerbau betrieben werden kann, und Bergen im Norden.

Genau die zeigten sich bereits nach der Landung auf dem Flugplatz Ulaangom. Weithin sichtbar das Altai- und Tannu-ola-Gebirge. Ich freute mich schon, später diese tollen Eindrücke in einem Dia-Vortrag zeigen zu können. Drei Aufnahmen taten es dann auch. Doch die Provinz Uws bietet wesentlich mehr. Denn im Norden erstreckt sich ebenso mit gut 4000 Quadratkilometer das größte Sandgebiet des Landes und ebenso immense Seen. So der Uws Nuur, mit einer Fläche von etwa 3350 Quadratkilometern der größte See der Mongolei. Seinen Namen verdankt der See seinem bitteren Wasser, das untrinkbar ist. Es ist fünfmal salziger als das des Pazifiks. Fische können darin nicht überleben. Aber Sandstrände laden sogar zum Baden ein. An denen konnte sich, wie wir auf der Rückreise berichtet bekamen, der andere Teil unserer Reisegruppe aalen. Der hohe Salzgehalt hatte dabei allerdings auch dafür gesorgt, dass sich der eine oder andere sogar ein unliebsames Souvenir, einen Sonnenbrand, eingehandelt hatte.

Unser Ziel lag allerdings inmitten einer Steppenlandschaft, einem, so weit das Auge reicht, scheinbar unberührten und schier unendlichen Grasland. Mit zwei Kleinbussen unterwegs saßen wir drei im zweiten und machten dem Fahrer verständlich, eins-zweimal außerplanmäßig zu halten. Das war ja wie im wilden Westen, nur alles auf Grün. Herden grasender Ziegen, Schafe und Yaks. Pferde, die mit wehenden Mähnen über die Weiten galoppierten. Die Przewalskis, die lange als die letzten echten Wildpferde auf der Erde galten. Safari in Mittelasien. Jetzt fotografisch festgehalten inmitten einer phantastischen Kulisse. Wem geht da nicht das Herz auf?!

Schließlich landeten wir in einem Aul von zehn unterschiedlich großen Jurten, diesen runden fensterlosen aus Holzrahmen und mehreren Scherengittern bespannten traditionellen Zelten der Nomaden Zentralasiens. Alle Eingänge waren typisch nach Süden ausgerichtet. Drinnen ist die dem Osten zugewandte Seite die der Frauen und des Küchenbereichs. Der Westen ist den Männern vorbehalten mit Platz für Gewehre, Sättel und Zaumzeug. Im Zentrum steht jeweils ein Ofen. Ein Rohr führt den Rauch durch die runde Dachöffnung ins Freie. Unsere „Hotel-Jurte“ war dagegen mehr oder weniger spartanisch ausgestattet, mit einem Teppich ausgelegt, acht kleinen Kommoden und dazugehörigem Bettlager, einer Vielzahl von Fellen zum Zudecken für die Nacht und einem kleinen Bollerofen.

Schließlich wurden wir von den gastfreundlichen Mongolen in eine „Familien-Jurte“ eingeladen. Was dies bedeutete, erfuhren wir sogleich: Es wurde Airag angeboten. Vergorene Stutenmilch mit dem etwas säuerlichen Geruch und dem leichten Alkoholgehalt. Es ist das Lieblingsgetränk der mongolischen Nomaden. Ohne Airag geht hier gar nichts. Wir hatten mit dem Traditionstrunk unsere liebe Mühe: Zu fremd war der Geschmack, zu groß das Risiko, unsere europäischen Mägen mit der dem Airag nachgesagten abführenden Wirkung zu überfordern. Doch die angebotene Schale Airag abzulehnen, gilt als unhöflich. Also runter mit dem Zeugs. Entgegen deutscher Tradition nicht auf ex, sondern in kleineren Schlucken. Das Prozedere und das Umfeld boten unwiederbringliche Fotosujets. Anschließend wurde uns urtypische Kultur geboten. Junge Burschen in traditioneller Kleidung, Mänteln und hohen Stiefeln, zeigten spielerische Ringkämpfe. Dann der Knaller an sich. Die Grundlage des vorher getrunkenen Airag wurde wortwörtlich in unsere Hände gelegt. Unter Anleitung sollten, durften wir die Stuten melken. Nach getaner Arbeit folgte der Lohn: Reiten auf Przewalski-Pferden, mit oder ohne Sattel. Es waren Gott sei Dank gezähmte Vierbeiner. Sonst wären wir sicher runtergefallen. Wir bekamen dazu sogar einen Reitermantel angezogen. Was für ein Gaudi. Was für tolle Schnappschüsse.

Die Zeit war wie Flug vergangen. Wir durften einen Blick in eine Jurte werfen, aus der sowohl leckere als auch ungewöhnliche Gerüche drangen. Hier wurde extra für uns gekocht. Ich fragte nach einer Kostprobe und ließ mich mit zwei feschen Frauen fotografieren. Dann ging es in eine weitere der Behausungen, in die „Restaurant-Jurte“. Als alle im Kreis Platz genommen hatten, wurde aufgetafelt. Buuz,kleine mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, dazu dunkelgelbe Stückchen Käse von körniger Konsistenz, Khailmag, ein süßer, köstlicher Brei mit Rosinen, hergestellt aus eingedickter Sahne, die in einer Pfanne erhitzt worden waren, und Fleisch, Fleisch und Fleisch mit uns unbekanntem Gemüse und Beeren. Es gab Yak, Schaf, Ziege und Murmeltier.

Das Schaffleisch war mithilfe von im Feuer erhitzten Steinen gegart. Andere Steine waren in die Bauchhöhle eines entbeinten Murmeltiers und eines Zickleins gefüllt worden und in einem Topf oder Art Kanne gegart. Egal, was und wie zubereitet. Es war einfach nur lecker. Die fettigen Steine wurde uns geheißen, auf unsere nackten Bäuche zu legen. Es reguliere und heile alle inneren Abläufe. Wir gaben dazu unsere Praktika, Vitrona und ich meine Exa 1a aus den Händen, um uns alle gemeinsam in dieser ungewöhnlichen Pose auf Fotos verewigt zu wissen. Dabei weckten unsere Gerätschaften das Interesse der jungen Burschen und wir erklärten die Funktionsweisen. Sie waren begeistert und hätten am liebsten fortan ständig auf die Auslöser gedrückt. Der Abend endete mit viel Suutei Tsai, aus Yak-Milch und schwarzem Tee, und Airag. Und woher auch immer – es gab für jeden Besucher eine Flasche Bier. Na ja, zumindest wurde es als dergleichen dargereicht. Mit dem Bier, das wir als solches in deutschen Gefilden gewohnt waren, hatte es wenig zu tun. Aber wie heißt´s so schön: Die Geste zählt. „Bierfotos“ durften allerdings keine gemacht werden, weil dieser Trunk wohl illegal organisiert war. Als wir aus der „Restaurant-Jurte“ taumelten war es bereits Nacht. Ein sagenhafter Sternenhimmel überspannte die Steppenlandschaft, der noch Stunden zuvor von strahlend kräftigem Blau gekennzeichnet war. Die Silhouetten der Jurten boten zum dagegen hell erscheinenden Firmament die ideale Kulisse für letzte Fotos.

Es war merklich kühl geworden. Unsere „Hotel-Jurte“ – sie war extra eingeheizt worden – empfing uns mit behaglicher Wärme. Bernd, Roland und ich verstauten noch schnell unsere Fotoapparate ins zuvor bereits gepackte Gepäck und fielen nach einem absolut ereignisreichen Tag erschöpft aber zufrieden und durchaus angedüdelt in die Betten. Leider zog die wohlige Wärme bald durchs offene Rund im Jurtendach ab und machte eisiger Kälte Platz. Als Heißblut und ausreichend Airag gewärmt, dachte ich, mit einer Felldecke auskommen zu können, gönnte meinen anderen Touris, sich drei- und vierfach einzudecken. Als ich frierend wach wurde, musste ich mir von den schnarchenden Nachbarn dann doch das eine oder andere Fell „zurückorganisieren“.

Am nächsten Morgen – ein Blick auf die der sechs Stunden voraus angepassten Zeit der dortigen Zeitzone verriet fünf Uhr – kam irgendwie Hektik auf. Vielleicht auch unseres noch teils vorhandenen Katers geschuldet. Der sternenklare Himmel von vergangener Nacht war langsam am Erblassen, irgendwo am Horizont die Sonne zu erahnen. Draußen war für uns eine bereits tags zuvor angekündigte „Waschstraße“ aufgebaut. Große Schüsseln sowohl mit dampfendem als auch eiskaltem Wasser, Seife und Handtücher. Wir begnügten uns damit, mit freiem Oberkörper sowohl das dampfende wie eiskalte Wasser zur morgendlichen Wiederherstellung unserer Frische zu nutzen – und vor allem, Zähne zu putzen, den Geschmack des Vorabends los zu werden. Die Mongolen-Burschen hatten allerdings einen Heidenspaß. Sie standen nackig in der kühlen Morgendämmerung und kippten sich das Wasser, zuerst das heiße dann das kalte, über ihre Körper. Danach gab es im Schnelldurchlauf eine Suppe mit in Yakbutter frittierten, nur leicht gesüßten Brotfladen und den berühmten Milch-Tee. In dieser Zeit waren die „Ringer-Burschen“ vom Vortag hilfreich zu Gange gewesen und hatten unser – wie angewiesen – bereits am Vorabend fix und fertig verstautes Gepäck zur Abreise längst parat gestellt. Die Frauen waren am Lüften und Reinigen der als Restaurant und Hotel benutzten Jurten. Währenddessen standen schon die Kleinbusse mit laufendem Motor startklar bereit. Nach einem kurzen aber herzlichen Abschied folgte ein strapaziöser Rückreisetag über Ulaangom, Taschkent, Moskau nach Berlin – ohne einen Gedanken, noch irgendwo-wie-was fotografieren zu wollen. Wir waren K.o. und freuten uns auf Zuhause. Na ja, im Kreise der wieder vereinten Reisegruppe prahlten wir natürlich von unserem Erlebten in der mongolischen Steppe. Und wir freuten uns schon auf unsere geschossenen Fotos. Das um- und einchecken auf den jeweiligen Flughäfen war ein Selbstläufer. Nichts mit Zoll oder großartigen Passkontrollen. Die Reiseleitung hatte sozusagen alles im Griff.

Roland und ich erinnerten Bernd nochmal, all unsere Filme zeitnah entwickeln zu lassen. So könnten wir schneller aussuchen, wer welches Foto nachbestellt. Irgendwann sollte ich dann per Dia-Vortrag diese Reise dann nochmal Revue passieren lassen.

Pustekuchen!

Wieder in Schönefeld gelandet, hieß es vor dem Auseinandergehen, Bernd noch schnell unsere vollen Filme zu geben. Beim Öffnen unseres Gepäcks dann die Riesenüberraschung. Weder Bernd konnte beim Auspacken seine Praktika finden, Roland seine Voigtländer Vitrona noch ich meine Exa 1a. In den oben auf sich befindlichen Apparate-Taschen befanden sich Steine. Steine! So viel Aufwand wurde sich beim Entwenden derweil gemacht. Lediglich die bereits am letzten Abend filmentleerte Smena SL dümpelte in meinem Rucksack herum. Dass eventuell einer hätte im doch vorhandenen Alkoholrausch vergessen, seine Kamera einzupacken, sahen wir als eine keinesfalls in Frage kommende Möglichkeit. Wenn schon, aber doch nicht jeder von uns. Die verstauten Steine ließen nur eine Lösung zu. So wurde schnell klar: Die sich im Nomaden-Aul vor der frühmorgendlichen Abreise übereifrig um unser Gepäck sorgenden und sich tags zuvor für Fototechnik interessiert gezeigten „Ringer-Burschen“ würden nun über entsprechendes Equipment verfügen. Dass ebenso alle verknipsten Filme verschwunden waren, war obendrein ein Riesen- und eigentlich der unwiederbringliche Verlust. Der ließ die mit Schadenfreude untersetzte vage Hoffnung offen: Die Burschen werden die bereits verknipsten Filme als eventuell leer betrachten, sie möglicherweise doppelt belichten und ihre Strafe nach dem Entwickeln – wo und wann auch immer – erleben. Ein wirklich nur kleiner Trost.

Wir dagegen mussten und müssen fortan lediglich von unseren Erinnerungen leben – und uns neue Fotoapparate kaufen.

Auf unser Ansinnen, über das Reisebüro eine Anzeige zu erstatten, mit kühnsten Träumen versehen, gar die Fotoapparate wiederzuerlangen, gab´s als Antwort lediglich ein müdes Lächeln und den zynischen Zusatz: „Habt ihr Name und Adresse? Vielleicht Steppenstraße 2, Aul Nummer vier? Nein?! Also seht es als leider unfreiwilliges Gastgeschenk.“

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