Tolle Yachten, Chopin und Serpentinen

Malle VI – Südwesttour 2

Wer, ausgehend von Cala Ratjada, bis weit in den entgegengesetzten Zipfel von Mallorca möchte, sollte früh in die Gänge kommen – noch bevor der Verkehrsstrom und Berufsverkehr von und nach Palma das Vorankommen aufhält.

Die Fahrt verläuft wie beim Tipp „Malle V“, nur dass nach der Umrundung der Bucht von Palma auf der MA1 verblieben wird, um die Ortsdurchfahrten mit teilweisen 30-kmh-Vorgaben zu umgehen. Die MA1 endet in Port de Antratx, der vor allem ein großer Zweitwohnsitz von zahlungskräftigen Deutschen ist. Bei der Suche vor Ort ist es leichter als in vielen anderen Orten, ein Appartement oder Ferienhaus zu finden. Denn eine Handvoll Pensionen, die privat gebucht werden können, ist stets frei. Auch wenn die Besatzungen der Segelyachten – der Yachthafen „Club de Vela“ bietet 475 Liegeplätze – und die Bewohner der umliegenden Orte im Sommer für Leben und Treiben sorgen. Denn ob der geringen Ortsgröße verfügt Port de Antratx über eine überraschend attraktive Kneipen- und Restaurantszene. Die wenigen mit Sand gefüllten, fast wie Fremdkörper wirkenden Uferteile sind wohl nicht als Strände zu bezeichnen. Mit einem Leihwagen oder per Krad sind allerdings die nicht weit entfernten Bademöglichkeiten zu erreichen. Weit und traumhaft ist dagegen der Ausblick, der sich vom Cap de la Mola auf die Südsüdwestküste und auf die Insel Sa Dragonera und die vielen kleineren Inseln entlang der Küste bietet.

Ein weiterer attraktiver kleiner Ort an der Westspitze Mallorcas ist Sant Elm. Er wartet mit herrlichen Sandstränden, bewaldete bis ins Meer abfallende Berghänge der Serra del Norte und wenig Pauschaltourismus auf. Zum vorgelagerten Naturpark Insel Dragonera fährt mehrmals täglich ein Schiff. Verpflegung und Sonnenschutz sind für diesen Ausflug dringend zu empfehlen. Erwähnenswert sind auch eine Wanderung zur Trappisten-Klosterruine „Sa Trapa“ und zum alten Wachturm Torre Cala Basset am Ortsende.

Um weiter die Westküste hinaufzufahren, bleibt nur der Rückweg über die MA1030 nach Antratx. Am Ortsausgang beginnt in einem Kreisverkehr, der fast vollständig umfahren werden muss, die MA10, die fortan höchste Aufmerksamkeit und auch Schwindelfreiheit abverlangt. Nicht immer ist es möglich, an grandiosen Ausblicken in die Weite oder Tiefe anzuhalten. Nur gelegentlich ist eine langsamere aber für den nachfolgenden Verkehr risikoreichere Fahrt angebracht, um dies genießen zu wollen. Nur mit vollster Konzentration ist die Straßenführung überschaubar, schmiegen sich die Serpentinen an den Felsen. Nach gut dreißig Minuten ist Estellencs erreicht, das an die Zeit drohender Piratenüberfälle erinnert. Viele nahezu fensterlose Wohnhäuser und die festungsartige, fast 400 Jahre alte Kirche mit gewaltigem Wehrturm sind Zeugnis davon. Angenehm dagegen die Berghänge mit Mandel- und Olivenbäumen und allerlei Obstgärten. Das Dorf im Tramuntana liegt fernab des Massentourismus und lässt durchaus einen Vergleich mit der Amalfi-Küste zu. Ein erstes kurzes Baden am Cala Estellencs und der Verzehr des im Hotel georderten Lunchpakets gibt Frische für den noch anstehenden Tag.

Weiter auf der MA10 unterwegs, bietet das zur Zeit der Mauren gegründete Banyalbufar ein ähnliches Bild. Aus dieser Zeit stammen die noch heute existenten terrassenförmigen Gärten mit ihren eigenen Bewässerungssystemen. Wurde hier früher viel Wein angebaut, ist es heute verstärkt Gemüse. Doch bevor der Ort erreicht ist, türmt sich unmittelbar an der MA10 der Mirador de Ses Animes (auch Torre del Verger) auf. Der Aussichtspunkt ist ein im 16. Jahrhundert gebauter Überwachungsturm. Er gehört zum Verteidigungssystem aus der Zeit, in der die Insel regelmäßig von Piratenüberfällen heimgesucht wurde. Das Warnsystem, welches sich einst über die gesamte Insel ersteckte, soll 85 Türme jeweils auf Sichtweite umfasst und die Bevölkerung rechtzeitig vor Überfällen gewarnt haben. Ein enger Eintritt und eine Eisenleiter ermöglichen den Zugang zur Plattform, von der aus sich ein überwältigender Ausblick über das westliche Mittelmeer bietet.

Jeder, der in der Vergangenheit Wert darauf legte, Mallorca wirklich kennenlernen zu wollen, konnte von der MA10 einen Abstecher gen Esporales, genauer nach Sa Granja auf das dortige Landgut unternehmen. Leider wurde es inzwischen veräußert und ist samt eines sehenswerten Museums nicht mehr zu besichtigen. Schade! Weiter auf der MA10 geht es, wenn diese eine scharfe Linkskurve macht, geradeaus auf der MA1130 nach Valldemossa. Nicht, weil es sich bei dem dortigen ehemaligen Kloster um ein so grandioses Bauwerk handelt. Nach Valldemossa geht es in erster Linie, weil im Winter 1838/39 Frédéric Chopin und die französische Schriftstellerin mit dem männlich klingenden Künstlernamen George Sand dort zwei Monate einer tragisch-romantischen und gleichzeitig skandalösen Beziehung verbrachten und der Ort vor einigen Jahren vom National Geographic zum schönsten Dorf Europas gekürt wurde. Die Begebenheiten um Chopin und Sand kann die Nachwelt in Sands Roman „Ein Winter auf Mallorca“ nachvollziehen. Grund genug, dass jedes Jahr im Juli / August hier die Chopin-Festspiele veranstaltet werden. Um dem schönen Dorf etwas näher zu kommen, ist ein Rundgang durch die malerischen Gassen der „Unterstadt“ – wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint – zu jeder Zeit absolut unverzichtbar. Schon allein wegen seiner verwinkelten, mit unzähligen Topfpflanzen geschmückten Gassen ist Valldemossa einen Besuch wert. So befindet sich in der Calle de la Rectoría Nummer 5, ganz in der Nähe der 1245 gegründeten Kirche San Bartomeu, das Geburtshaus der Inselheiligen Santa Catalina Tomás. An vielen Türen befinden sich daher kleinere oder auch größere Kachelbilder, welche als Motiv die Inselheilige zeigen. Aber auch von zahlreichen Cafés aus lassen sich die Schönheiten des Ortes ausmachen.

Danach geht es weiter in der bizarren und grünen Bergwelt, denn die Westküste hat noch Weiteres zu bieten.

Von Valldemossa in Richtung Deià geht kurz hinter einer Tankstelle rechts im spitzen Winkel eine schmale Straße zur abgelegenen Ermita de la Trinitat hinauf – eine kleine Klosteranlage. Sie wird noch heute von Mönchen bewohnt und bewirtschaftet. Die Terrasse bietet einen der schönsten Ausblicke der Insel und die aus Fels gehauenen Tische auf dem schattigen Vorplatz der Ermita laden zum Picknick ein. Wer hier verweilt, kann die Stille und das Gefühl, hier oben weit weg von der Zivilisation zu sein, genießen. Als Alternative bleibt, statt abzubiegen, gegenüber an der MA10 eine Einkehr im idyllisch gelegenen Restaurant C’an Coasta.

Wer von schönen Aussichten noch nicht genug haben sollte oder eine Bisherige nicht genutzt hat – einige Kilometer weiter in Son Marroig bzw. im Mirador De Sa Foradada bieten sich weitere. Son Marroig ist der einstige Sitz des österreichischen Erzherzogs Ludwig Salvator, der ein großer Freund und Förderer der Balearen, insbesondere von Mallorca, war. 1864 ließ er sich endgültig hier nieder. Mit seinen Beschreibungen der Schönheiten Mallorcas wurde er im Grunde genommen zum Wegbereiter des Tourismus. Sein Haus kann besichtigt werden. Das Schmuckstück der kleinen Gartenanlage ist ein Pavillon aus weißem Marmor. Gegen ein kleines Entgelt wird einem ein Tor zur Halbinsel Na Foradada geöffnet. An ihrer Spitze befindet sich mitten in der Felswand ein 18 Meter großes Loch – eines der beliebtesten Fotomotive auf der Insel. Im gleich nebenan befindlichen Mirador De Sa Foradada herrscht in den Abendstunden nicht nur an der Bar großer Andrang. Hierher zieht es Hobby- und Profi-Fotografen, um einen grandiosen Sonnenuntergang festzuhalten.

Fotografen und andere Künstler, die im eigenen Anwesen oder im Luxushotel ihre Ferien in aller Ruhe verbringen wollen, leben vorwiegend in Deiá. Das Besondere des Ortes befindet sich allerdings auf dem Friedhof an der Kirche San Juan Bautista. Hier werden die Toten aus Platzmangel im „Stehen“ beerdigt.

Die Ma10 führt weiter und verläuft in L´Horta/Felanitx gemeinsam mit der MA11, die in Port de Sóller endet. Das Städtchen verfügt über die attraktivste Plaça Mallorcas und dazu über einen Bahnhof wie aus Kaisers Zeiten (siehe auch Malle IV – Zentralsüdtour). Das große Spektakel erleben Touristen dort alljährlich im Mai. Rund um der Plaça sitzend, auf Terrassen der etwas erhöht gelegenen Lokale, unter schattigen Bäumen oder in der Sonne mit Blick auf die schönen Fassaden der Kirche Sant Bartolomé und des Rathauses, sind sie Publikum. Nach heroischen Reden auf Mallorquín nimmt auf der Plaça der nachgespielten glücklichen Abwehr maurischer Piraten vom 11. Mai des Jahres 1561 seinen Ausgang: Vor der amüsierten Menge »erkämpfen« als Christen und Araber verkleidete Männer und Frauen eine Woche lang im Ort und am Strand mit hölzernen Schwertern und Krummsäbeln immer wieder das im Voraus bekannte Resultat. Nach dem Kampfgetümmel stärkt man sich gemeinsam bei Wein und Gesang.

Viele Wege führen nach … zurück nach Cala Ratjada. Wer nochmals eine mühselige und zeitraubende aber zugleich aufregende Kurbelei am Steuer erleben möchte, der nutzt südwärts die MA11 und biegt auf Höhe des Monument de la inauguració del tren (ein Denkmalanlage zur Einweihung der Inbetriebnahme der historischen Eisenbahn Tren de Sóller) auf die nunmehr „alte“ Hauptstraße MA11a. Sie führt in 30 Serpentinen über 500 Höhenmeter auf den Coll de Sóller und verwöhnt im Passbereich mit Weitblick über die Bucht von Palma. Schneller und seit 2017 mautfrei geht es durch den 1999 eingeweihten Tunnel auf der MA11. Auf der Stadtumgehung von Palma (MA20) links halten, Abfahrt MA15 nicht verpassen und über Manacor und Arta ist nach etwa einer Stunde Cala Ratjada erreicht. Ebenso kurvenreich und etwas länger ist´s, bis Pollença auf der MA10 zu bleiben, dort aufmerksam der Ausschilderung Richtung Alcudia, Can Picafort und Arta zu folgen. So wird´s allerdings schwierig, noch rechtzeitig genug in Cala Ratjada anzukommen, um noch schnell unter die Dusche zu springen und zu Abend zu essen.

Damit enden die Reise- und Ausflugsempfehlungen für Mallorca. Viel Vergnügen beim Umsetzen dieser.

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