Eine Rose, Kirchenkonzerte und schwarzes Theater

Karussell-Sänger Joe Raschke über Legendendasein, alte und neue Texte

Die Leipziger Rockgruppe „Karussell“ zählt, auch wenn sie sich selbst nicht dazu zählen will, zu den Ostrocklegenden. Entstanden 1976 aus der Leipziger Gruppe Fusion und ehemaligen Mitgliedern der kurz zuvor verbotenen Klaus-Renft-Combo ist ihr Schaffen bis heute von lied- und balladenhaften wie melodiebetonten Stücken geprägt. Zum bisherigen musikalischen Dasein der Gruppe, das 2024 erschienene Album „Unter den Sternen“ und mehr erzählte Joe Raschke, Sohn des Karussell-Gründungsmitglieds Wolf(i)-Rüdiger Raschke.

Neben Karat, Stern, Silly, City, Puhdys und Electra gehör Karussell zu den bedeutendsten und populärsten Musikgruppen der DDR. Ist´s ein bisschen ein „interner“ Wettbewerb, wer länger durchhält?

Raschke: (lacht) Nein. Vielleicht wirkt das so nach außen. Ich finde es gut, dass es, wie auch in unserem Fall, jeweils mit jungen Leuten weitergeht, gutes Altes erhalten bleibt, aber auch Neues geschaffen wird.

Gut, dass die „Vorgängerband“ mit Thomas „Monster“ Schoppe auch noch unterwegs ist?
Raschke: Ja, aber das sind, glaube ich, doch getrennte Welten.

Gibt´s aus der Gründungstradition heraus einen Renft-Block im Konzert-Programm?

Raschke: Nein, aber Cesars Rose ist fester Bestandteil.

Viele ehemalige Ostbands bezeichnen sich selber als Legenden oder werden als solche betitelt – wie steht´s mit Karussell?

Raschke: Wir sehen uns selber nicht als solche. Dafür fehlen die sechzehn Jahre gemachte Pause. Aber das „Legendenkompliment“ nehmen wir gern entgegen. Zumindest sind einige unserer Lieder in diese Kategorie einzuordnen.

Angesprochene Legenden touren oft im Zweier- oder Dreierpack und mehr. Auch schon mal mit diesem Gedanken gespielt?

Raschke: Eigentlich nicht. Nicht, weil wir zu eitel sind. Aber wir wollen unsere Konzertprogramme vollständig präsentieren. (verschmitzt) Haben ja auch eine Menge im Köcher.

Karussell-Musik ist ja nichts zum Draufhauen und Abhotten, eher zum Hinhören. Deswegen auch einige Konzerte in Kirchen. Warum?

Raschke: Das könnte wieder eitel klingen. Aber wir haben das Gefühl: In Kirchen ist die Aufmerksamkeit des Publikums höher. Vielleicht, auch wenn die Leute nicht konfessionell gebunden sind, der Respekt vor einem Gotteshaus allen innewohnt.

2019 gab es sogar eine reine Konzertreihe in auserwählten Kirchen. Die ersten Konzerte 2025 lassen einen ähnlichen Schluss zu. Da könnte doch sogar unplugged gespielt werden?

Raschke: Viel Songs brauchen ganz einfach einen gewissen Drive, der unplugged nicht erzielt werden kann.Aber nochmal ein Wort zu den Kirchen als Spielort an sich. Die sind top miteinander vernetzt. Da ist für uns vieles einfacher.Die St. Barbara in Lichtentanne ist eine „ausgediente“ Kirche und relativ klein. Unplugged?!

Raschke: (lächelt) Nein. Hier gilt klein aber fein, was auch für die Aussteuerung gilt. Wir sind nun zum vierten Mal hier. Tolle Akustik, tolle Leute, immer gerne wieder.

Warum sind die Texte von Karussell bei über 50jähigen „Ostrockern“ noch derart oder sogar wieder gefragt?

Raschke: Es besteht immer noch das Gefühl, dass viele jetzt nachholen wollen, was sie früher verpasst haben, weil sie dachten, Westmusik ist, muss besser sein. Natürlich gibt es auch treue Fans, die uns über all die Jahre begleiten – auch wegen unserer Texte.

Apropos: Inwieweit ist es ein schweres Erbe, mit neuen Texten die bekannte Karussell-Seele fortleben zu lassen!

Raschke: Texte von Kurt Demmler oder Gisela Steineckert hatten damals das typische Das-zwischen-den-Zeilen-Lesen nötig. Heute sind die Texte oft klarer, direkter. Das denke ich machen wir ganz gut. Hieß es damals in Mc Donald: …ich kenn´ keine Schafe, die sich ducken und machen, was andere sagen…, heißt´s heute in Schwarzes Theater: …Schwarzes Theater in unserer Welt. Wer führt hier die Regie? In diesem Spiel um Intrigen und Geld. Wird Zeit, dass der Vorhang fällt!… oder in Wenn´s darum geht: … Was sie mit uns spielen, heißt Katz´ und Maus…

Wie politisch ist Karussell heute?

Raschke: Ist es politisch zu nennen, wenn ausgesprochen wird, was die Leute im Alltag bewegt, was sich ändern sollte? Wenn das so ist, dann ja!

Das 24er Album „Unter den Sternen“ wird oft als „zurück zu alten Ufern“ bewertet, also rockig und balladig. Ist es das Beste der letzten Jahre?

Raschke: Wenn das der Tenor ist, danke, tolles Kompliment. Ich glaube, es hat textlich wie musikalisch einen gewissen guten Tiefgang, weil wir alle unsere Erfahrungen hineingelegt haben.

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