Copyright © 2023
Erscheinungsjahr: 2023
Herausgeber: U. Hentschel / Zschiesche GmbH
Satz: Maika Hallmann
Titel-Foto: igiaviation – mourgefile.com
Druck: Zschiesche GmbH

Textsicher in 2500 Kilometer Entfernung

Seit dem bereits erwähnten „Reisüberdruss beim Abendessen“, also den Anfangstagen unseres Aufenthaltes, hatte unser Quartett auf einem abendlichen „Verdauungsspaziergang“ nur einige Straßen weiter den bereits erwähnten Kiosk von Wassili ausfindig gemacht. Für wenige Kopeken gab’s hier Ziegen-, Schaf- und Pferde-Gulasch und -Schaschliks. Fast alle zwei drei Tage hatten wir uns dort unseren schmackhaften Nachschlag abgeholt, freundeten uns mit dem Wirt an. Er und seine einheimischen Gäste gaben uns gern eine Runde Wodka aus. Wir hätten auch gern ein Bier getrunken. Aber das war nicht zu genießen. Der Chef gab uns, wohl wissend, dass unser Reisetaschengeld nicht so üppig war, ab unserem dritten Besuch so manches preiswerter ab. Für ein Essen, egal welches, und einem Glas Kwas – das malzbierähnliche russische „Volksgetränk“ mit zum Teil 1,2 Prozent Alkohol – brauchten wir lediglich einen Rubel bezahlen. Mit „Restrussisch“ versuchten wir das eine oder andere Gespräch zu führen. Schließlich waren wir als „gelernte DDRler“ sechs oder auch acht Jahre mit der sogenannten „Brudersprache“ versorgt worden. Wassili, wir schätzten ihn auf Mitte sechzig ein, besann sich zudem auf einige Splitter deutscher Vokabeln. Die habe er als Kind während des Krieges aufgeschnappt. Den Rest erledigten Gestikulationen. Aber auch bei Mütterchen Russland war so mancher des Englischen mächtig, was den Unterhaltungen guttat. Der Kneiper stellte uns in der zweiten Woche seine Freunde vor. Die waren bestimmt gute 70 Jahre alt, was bei den Kaukasiern irgendwie schlecht beziehungsweise genau einzuschätzen war. Sie sprachen sogar, wenn auch gebrochen, besser Deutsch. Wie heißt’s: Es wurde über Tod und Teufel gequatscht. So auch darüber, ob unsere Väter oder Großväter im Krieg gewesen wären. Noch wichtiger, welchen Waffengattungen sie, wenn angehört hätten. Das konnten wir alle vier verneinen. Zufrieden hoben die Einheimischen danach an, dass sie noch heute, trotz des Krieges, gegenüber den Deutschen eine gewisse Dankbarkeit empfänden. Schließlich seien sie es gewesen, die trotz allen Leids des Krieges bis dato nicht oder arg schlechte Infrastruktur wie Verkehrswege samt Strom- und Wasserversorgung in die von Väterchen Russland vernachlässigte Gegend gebracht hatten.

Es kam der letzte Urlaubstag.

In meinem spärlichen Gepäck – ich hatte mich nur mit einem Jägerrucksack auf die Reise begeben – hatte auch eine Flasche des vietnamesischen Wodkas Lua Moi Platz gefunden. Den wollte ich eigentlich schon eher killen. Also innerhalb unseres Urlaubs-Quartetts. Aber für das Entgegenkommen in unserer „Ersatzversorgungsstelle“ befand ich es für gut, diesen 45%-Prozentigen mit den Russen, nein stolzen Georgiern, zum Abschied zu teilen. Der Kioskbetreiber hatte bei unserem Eintreffen bereits eine Festtafel im Kiosk aufgebaut. Heute gehe alles aufs Haus, empfing er uns freudestrahlend. Das erste Mal das Innere des Häuschens betretend, fiel sofort ein riesengroßer Teppich an einer der Wände auf. Ebenso mit eingeladen waren seine uns schon bekannten Freunde. Als der letzte von ihnen eingetroffen war, schloss Wassili seinen Kiosk zu. Dann hieß es essen, trinken, trinken, essen, trinken, trinken. Mittlerweile waren zwei Flaschen Wodka und die Lua Moi geleert. Plötzlich verschwanden seine Kumpels im Nebenraum. Wassili verdunkelte das Innere, ließ die Außen-Jalousien runter, zog zusätzlich die Vorhänge zu. Verschmitzt schaute er uns an und meinte: „Große Überraschung!“ Dann geschah das Unfassbare. Der Vorhang zum Nebenraum ging auf. Drei seiner Kumpels kamen mit Wehrmachts- und SS-Uniform bekleidet im Stechschritt heraus. Gleichzeitig nahm Wassili mit einem seiner im Raum verbliebenen Bekannten den Riesenteppich von der Wand. Dahinter offenbarten sich nun große Bilder von Hitler und Stalin, verschiedene Waffen und Zeichen aus dem II. WK wie SS-Ehrendolche, zwei Scharfschützen-Gewehre und zahlreiche Orden wie das Eiserne Kreuz und Verwundetenabzeichen. Seine uniformierten Kumpels stimmten sogleich die erste Strophe des Deutschland-Liedes an. Die rechten Arme der Georgier flogen in die Luft. Jeder von uns erhielt einen kräftigen Stups auf die Schulter. Uns wurde signalisiert, gefälligst aufzustehen und mitzusingen. Die Strophe wurde erneut angestimmt. Nach unserem Zögern folgte ein deutsch-russisches Schimpfwortgeprassel: Проклятье (Proklyat’ye – Gott verdammisch), дерьмо Немецкий (der’mo Nemetskiy – Scheiß Deutsche!). Wir vier DDR-Urlauber schauten uns verdattert an. Die Drohgebärden, endlich einzustimmen, wurden immer grimmiger. Schließlich machten wir mit. Brünn-erfahren, wie ich war, und sich auch des langen Armes der Stasi bewusst, hatte ich meine Landsleute dabei gut im Blick. Mir war bei allem Sing-sang klar: Bis in den Kaukasus, bis in diese Reisegruppe, reicht der Stasi-Arm allemal. Auch bis in diese Pivnica! Und mehr als komisch, fast schon verdächtig, stellte ich fest: Alle meine Reisegruppenbegleiter, Bernd, Stefan und Reiner, waren textsicher!

Die Strophe war abgesungen. Zum erweisen des Hitlergrußes wurden wir Gott sei Dank nicht kategorisch animiert. Die Augen der Georgier glänzten. Nicht nur vom bisher „vernichteten“ Wodka, sondern auch voller Stolz. Die Sto-Gramm-Gläser waren inzwischen wieder randvoll gefüllt. Es wurde zugeprostet. Kneiper und Kumpels schreien: „Sa sdorowje! Prost! Es lebe die deutsch-sowjetische Freundschaft!“ Wassili fragte völlig außer sich: „Und, gute Überraschung?“ Was blieb uns anderes übrig, als im zugeschlossenen Kiosk inmitten sechs alkoholisch aufgeputschter Georgier Ja zu sagen. Dann wurde uns fast unter Freudentränen klar gemacht, welche „Verdienste“ die beiden „großen Führer“, Hitler und der aus Georgien stammende Stalin, speziell für Georgien haben. Übersetzt hieß das in etwa: Wir waren bis zum Kriegsausbruch für die in Moskau der Arsch der Welt. Das wären wir auch geblieben. Nichts mit Strom und WC. Die deutsche Wehrmacht und nach Georgien deportierte deutsche Kriegsgefangene bauten Straßen, Brücken und Kraftwerke. Das wurde teilweise als eine Art Befreiung von der Sowjetunion gesehen. Und das sei das Gute an den Deutschen gewesen. Gut war aber auch, dass unser Stalin die Deutschen wieder verjagt hat. Denn ob Berlin am Ende besser gewesen wäre, als Moskau…

Ganz schön benebelt – sowohl vom vielen Wodka als auch dem Erlebten – trudelten wir weit nach Mitternacht zurück ins Hotel.

In Anbetracht, dass keiner von uns Vier seine „Miturlauber“ schon vorher gekannt hatte, wir für eine derartige Aktion einander eigentlich viel zu fremd waren, blieb die bange Frage: Was würde nach der Rückkehr zu Hause passieren? Lauerte dort der Riesen-Anschiss? Nur ein Gummiohr hätte gereicht, um für ein paar Jahre Bautzen II als Adresse zu haben.

Ich habe lange auf irgendeine Reaktion gewartet. So hieß es am Ende nicht Proklyat’ye, sondern слава Богу (slava Bogu) – Gott sei Dank!

Es kam nichts.

Mit einem Lächeln schoss es mir allerdings gelegentlich durch den Kopf: Das alles hätte mal jeder von uns seinem DSF-Verantwortlichen im Betrieb erzählen sollen.

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