Irgendwann am zeitigen Vormittag ging der Rückflug, genauer die Rückflüge. Zunächst allerdings mit dem Bus nach Suchumi. Von dort dann mit einer TU 134 zweieinhalb Stunden nach Moskau. Vom Scheremetjewo aus anschließend in einer IL 86 gute drei Stunden nach Schönefeld. Ich sah mich ob einiger Kilos Mandarinen und Sektflaschen im Gepäck als „Lebensmittelkurier“, um nicht Schmuggler zu sagen. Die drei anderen Jungs aus dem „Urlaubs-Quartett“ hatten nach der Miliz-Aktion im Hotel doch das Flattern bekommen. „Wenn du so verrückt bist?! Kannst all unsere restlichen geklauten Mandarinen nehmen. Du bist’s, den sie beim Zoll erwischen!“, übergaben mir Bernd, Stefan und Reiner die in der DDR als Bückware bekannten Zitrusfrüchte. Reiner und Bernd vermachten mir sogar vor lauter Düsengang vor dem russischen wie DDR-Zoll noch jeder eine Sektflasche, nicht genau wissend, wie viel Alkohol eingeführt werden durfte. „Aber nicht, dass ihr in Schönefeld angekommen, eure Mandarinen abgezählt und den Sekt zurückwollt!“, stellte ich klar: Wer das Risiko trägt, erntet – im wahrsten Sinne des Wortes – auch die Früchte.
Wie erläutert hatte ich nach dem Klamottentausch zu tun, noch ausreichend Kleidungsstücke zu finden, um den Lüfter, die insgesamt fünf Sektflaschen und die Südfrüchte für den Transport schonend ein- beziehungsweise umwickeln zu können. Auffällig war bei jedem einchecken: Alle anderen Reisenden hatten Koffer und irgendwas Kleines als Handgepäck. Meine Person hatte lediglich einen aber trotzdem gut zwanzig Liter Inhalt umfassenden Jägerrucksack umgeschnallt. Den galt es, aufgebuckelt als Handgepäck durch alle Kontrollen zu bekommen. Letztendlich gelang dies ohne größeres Aufheben sowohl in Suchumi, als auch in Moskau.
Das Drama gab’s allerdings erst in Schönefeld.
Ein Reisender, nach zweiwöchigem Urlaub aus der Sowjetunion ankommend und nur mit einem Jägerrucksack unterwegs? Dies schien den DDR-Zöllnern aufzustoßen. Durch das Verstauen, rein- und rausheben aus den jeweiligen Gepäckfächern von Bus und Flugzeugen waren die Sektflaschen irgendwie verrutscht, hatten sich der Umwickelung von Socken und anderen Kleidungsstücken entledigt, so dass es im Rucksack bei jedem Schritt merkwürdig klapperte. Dies mutete den Bediensteten wohl arg verdächtig an. „Der junge Mann folgt mal dem Oberassistenten!“ wurde ich deshalb empfangen. Ich folgte dem Uniformierten in einen separaten Raum, nicht größer als drei mal drei Meter. An der Decke flackerte eine Neonröhre. Mittig stand ein Tisch. Darunter mehrere größere stabile Plastik-Tüten. Es hieß: „Bitte mal den Rucksack auspacken!“ Ich nahm mir Zeit, um beim Auspacken auch alles sortenrein sorgfältig zu platzieren: Häufchen Mandarinen, Häufchen Orangen, zwei Nullfünfer vierzigprozentigen original Stolitschnaja, sechs Flaschen Krimskoye, den Lüfter, die schwere golden schimmernde Dose und das eine oder andere übrig gebliebene Kleidungsstück. Den 14-karätigen Goldring hatte ich bereits im Flugzeug in meiner Unterhose verstaut. Als ich fertig war, folgten die üblichen Fragen nach Urlaubsort und Dauer des Aufenthalts. Danach meinte der Oberassistent süffisant: „Mehr zum Anziehen braucht’s wohl nicht in zwei Wochen Urlaub? Aber Hauptsache den Rucksack voller Südfrüchte und Alkohol! Und in einer Menge, die einen persönlichen Bedarf weit übersteigt! Erst recht die zugelassenen Mengen! Oder sollen das alles Souvenirs sein?“ versuchte er sowohl Strenge als auch Ironie ins Gespräch zu bringen. Der etwa Mitte Dreißigjährige versuchte hochdeutsch zu reden. Aber irgendwie konnte er seinen vogtländischen Singsang nicht vermeiden. Mein Gegenüber zupfte dabei das Jackett links und rechts unten fassend straffend zurecht, fummelte an seiner Clip-Krawatte und versuchte Lässigkeit an den Tag zu legen, indem er seine rechte Hand in der Hosentasche verschwinden ließ. Ich beschloss kurzerhand, die Wahrheit zu erzählen und hoffte auf ein Schmunzeln, um dann in die Offensive gehen zu können, meine russischen Schätze nicht abgeben zu müssen. „Souvenirs nicht, aber so ähnlich“, begann ich in allen Tönen und Farben zu berichten. „Ich bin sozusagen ,blank‘, weil ich zum Beispiel schon etwas abgewetzte Wisent-Jeans, fast alle gesamten T-Shirts nebst einer nicht so sonderlichen schönen aber für den Russen total schicken Jeans-Jacke im Tausch gegen entsprechende Rubel im Park von Kobuleti einen neuen Besitzer gefunden haben. Na ja, und die wurden in diverse Sachen umgesetzt und mit einigen Naturalien ergänzt – und da mehr oder weniger Weihnachten und Silvester vor der Tür stehen…“ Während dem Zöllner die Augen fast aus seinem überraschten, inzwischen weniger erzürnten Gesicht zu fallen drohten, hakte er, eine Wodka-Flache und eine Sektflasche hochhaltend, nochmal nach: „Was soll das denn? Soviel Alkohol dürfen sie gar nicht einführen?“ Zeit, meine Offensive einen Gang höher zu schalten. Ich setzte ein freundliches Grinsen auf und entgegnete süffisant: „Ich hab‘ da auch an sie gedacht!“ Ich nahm vier Mandarinen und drei Orangen sowie eine Flache Krimskoye, schob alles dem Zöllner hin und meinte: „Wie schon gesagt, is‘ ja bald Weihnachten und Silvester!“ Dabei war ich mir vollends bewusst, dass dies die nächste Straftat war. Wie viel Knast gab´s eigentlich auf Bestechung von Beamten? Während mein Gegenüber seine Blicke mehrmals über die ihm zugeschobenen Sachen, meinen übrigen Haufen und mein Gesicht schweifen ließ, behielt ich meinen inzwischen aufgesetzten unschuldigen treuen Hundeblick sowie das schüchterne Lächeln bei. „Das riecht jetzt aber ganz stark nach Bestechung“, wurde die Stimme des Zollbeamten etwas lauter und energischer. Schließlich packte er mit beibehaltender Dienstmiene sein unverhofftes sowjetisches Gastgeschenk unter den Tisch in eine der Tüten und beendete unser Rendezvous mit: „Los! Einpacken! Hau’n ‘se ab!“ Das tat ich schnell aber auch sorgsam. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kam, mich nochmal kontrollieren zu wollen, weil es in meinem Rucksack verdächtig klappert. Und das alles musste trotzdem in hohem Tempo geschehen. Denn der Shuttle-Bus zum Bahnhof – wenn die zwei unüberdachten Fernbahnsteige und der S-Bahnsteig vom Bahnhof Schönefeld so bezeichnet werden durften – hätte sicher nicht auf mich gewartet, erst recht nicht der Zug.
Unterm Strich war alles gut gegangen. Frechheit hatte siegt!
Im Zug, den ich auf den letzten Pfiff noch erreicht hatte, war ich zu faul nach „meinen Spezies“ zu suchen. Glücklicherweise fand ich in dem überfüllten Zug in einem Abteil noch ein Plätzchen. Ich hievte meinen Rucksack mit äußerster Vorsicht in die Gepäckablage. Der freie Platz hatte mich in eine Runde von fünf Jungs verschlagen, die ebenfalls aus dem Urlaub im „Bruderland“ zurückkamen. Sie waren auf der Krim gewesen und brachten sich ihre Erlebnisse nochmals ins Gedächtnis. Da ging’s allerdings eher um das Aufreißen von einheimischen Mädchen sowie aus ihrer und einer anderen Reisegruppe. Dazu ging eine Flasche Moskovskaya herum. Auch ich durfte eins-zwei Schlucke nehmen. Nicht ohne auf die Frage der Fünf zu antworten: „Und! Wo warst du?“ „In Kobuleti. Auch am Schwarzen Meer. Wir hatten ein Erdbeben!“ Sie lachten und meinten: „Der war gut! Erdbeben!“ und klopften sich auf die Schenkel. Ich musste also etwas mehr vom Naturereignis erzählen und bekam dafür weitere Schlucke vom Wodka angeboten. In Leipzig verließen sie das Abteil und verabschiedeten sich: „Vielleicht sehen wir uns ja mal im Zentral!“, was ich mit einem „Vielleicht, wenn´s wiedermal einen internationalen Knaller mit der Lok gibt!“, erwiderte. Im Gespräch über Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen hatte ich mich im Laufe der Zugfahrt geoutet, neben Fan der damaligen Elf von BSG Sachsenring Zwickau ebenso Sympathien für den 1. FC Lokomotive Leipzig zu hegen, dass ich als Fußballbegeisterter im Oktober 1973 die Lok gegen Wolverhampton Wanderers live gesehen hatte. Und ich berichtete von der bereits während dieses Aufeinandertreffens erfolgten, damals im Fußball noch völlig unbekannten, La Ola-Welle – schließlich wurde sie erst zu der 1986 in Mexiko ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft als Stadionwelle weltweit bekannt. Die Herren gestanden daraufhin, Spieler im Nachwuchs-Oberliga-Team von Lok zu sein.
Schließlich am Heimatbahnhof angekommen war es nicht nur schon dunkel, sondern auch bitterkalt. Es war immerhin Anfang November und der Winter hatte einen ersten leichten weißen Gruß gesendet. Den hatte ich bereits auf dem Bahnsteig erkennen können. Eiligst zog ich noch ein Paar Socken aus meinem Rucksack, um sie über das erste Paar zu ziehen, es wenigstens etwas wärmer an den Zehen zu empfinden. Denn mit Bedauern musste ich in diesem Moment feststellen: In meinem Rucksack waren gar keine Schuhe. Die „Stoff-Volleyballer“ mit Knöchelschutz hatten mehr oder weniger bei der Mandarinen-Jagd den Geist aufgegeben. Auf dem Bahnhofsvorplatz lag dann sogar eine etwa fünf Zentimeter dicke Schneedecke. Wow, und nochmal große Augen: Drei Transport-Polizisten hatten bereits ihre Blicke auf mich gerichtet. Kurz vor 22 Uhr tappst da ein durchaus als Langhaariger mit Bart zu Bezeichnender mit weißen Socken in Jesus-Latschen Made in GDR, einem taubengraublauen Kosakenpullover und Jägerrucksack durch die Bahnhofshalle. Eigentlich ein Wunder, dass ich nicht weggefangen wurde.
Die Eltern haben sich Tage später über eine Extra-Portion Mandarinen und Orangen und zwei Flaschen Krimskoye gefreut. Wann der Wodka geflossen ist… irgendwann im Kreis von Freunden.
Auf alle Fälle haben Radiator und Kosakenpullover über Jahre treue Dienste geleistet.
Den goldenen Ring hab´ ich, im Nachhinein betrachtet, letztlich doch der falschen Lady geschenkt.
